Exorbitantes im Sonnensystem

Der höchste Berg, das tiefste Meer, der kälteste Ort, der längste Fluß, die dickste Brieftasche - Rekorde aller Art interessieren die meisten Menschen. Hier soll nun Exorbitantes im wahrsten Sinne des Wortes vorgestellt werden, denn das Wort bedeutet ja sinngemäß „außerhalb des Erdkreises“. Aber die Erde wird hier nicht ausgeklammert, sie weist schließlich auch einige Rekorde auf.

Global denken, das klingt zwar gut, ist aber auch provinziell, denn wir müssen eigentlich „solar“ denken lernen. Denn für mich ist das Sonnensystem unsere Heimat. Seit einigen Jahren gewinnt es deutliche Konturen und beginnt langsam vertraut zu werden.

Wer nach 1965 oder 1970 geboren ist, hatte natürlich nicht das Glück, die Pioneer- u. Voyagermissionen von Anfang an mit zu erleben. Diese sich über viele Jahre hinziehende, etappenweise Erkundung des äußeren Sonnensystems, war vergleichbar dem Zeitalter der Entdeckungen von 1450 bis 1525, als die portugiesischen Schiffe sich jedes Jahr ein bißchen weiter um Afrika herum wagten bis sie Indien erreichten und als krönender Abschluß den Erdball umrundeten.

Die Menschen des späten XX. Jh. durften so eine (diesmal friedliche) Entdeckungswelle noch einmal erleben, ich bin sicher, daß die Menschen späterer Jahrhunderte uns deswegen glühend beneiden werden. Aber, was hat das Sonnensystem an Exorbitantem eigentlich so alles zu bieten?

Nachfolgend werden 17 außergewöhnliche Rekorde oder Besonderheiten vorgestellt, die unser Sonnensystem zu bieten hat.


1. Der höchste Berg

liegt auf dem Mars. Es ist der knapp 27 000 m hohe Mons Olympus, ein flacher Schildvulkan von der Grundfläche etwa der alten Bundesrepublik. Er sieht vermutlich, wenn man vor ihm steht, rein nach gar nichts aus, denn verglichen mit seiner enormen Ausdehnung ist er schließlich nicht sehr hoch. Außerdem gibt es am Fuß des Berges eine ca. 1000 m hohe Steilwand aus erkalteter Lava. Diese sieht man vor allem, der Berg verschwindet dahinter. Trotzdem, der Vulkan ist dreimal so hoch wie der Mount Everest. Die Höhe bezieht sich auf eine festgelegte mittlere Marshöhe, da es ja dort keinen Meeresspiegel (mehr) gibt. Dicht auf den Fersen folgt der Ascraeus Mons, der nur einige Meter niedriger ist. Der Mons Olympus, hier auf die Erde transportiert und vorsichtig abgesetzt, würde mit Pauken und Trompeten in kürzester Zeit zu fast zwei Dritteln versinken, (den Grund möge sich jeder selbst überlegen).


Der Olympus Mons. Er sieht von oben aus wie ein riesiger Kuhfladen


2. Der größte Canyon

befindet sich auch auf dem Mars, es ist das Valles Marinensis. Seine Länge beträgt 4000 km, die Breite schwankt zwischen 80 km und 200 km. Die größte Tiefe ist nicht genau bekannt, wird aber mit 7000 m geschätzt. Der Grand Canon ist dagegen nur 1000 km lang, 1500 m tief und 5 - 15 km breit. Vielleicht ist er aber optisch beeindruckender, weil die enorme Breite des Valles Marineris schließlich seine Tiefe relativiert. Gemeinsam ist den beiden Canons allerdings die rote Farbe der Gesteine.


Ein geologischer Querschnitt durch das Valles Marineris M 1 : 2 000 000
Quelle: Atlas of Mars, Geologic series, US Geological Survey


Lage des Profilschnittes

Man erkennt die gewaltigen Ausdehnungen des Canonsystemes, von dem auf diesem Bild nur ein sehr kleiner Ausschnitt zu sehen ist. Aber es wird auch klar, daß ein Astronaut, wenn er in der Mite des Canons steht, die Steilwände nur ganz klein am Horizont sehen kann.

 

3. Der höchste Steilhang

befindet sich auf Miranda, dem kleinsten und innersten der fünf großen Uranusmonde. Miranda hat einen Durchmesser von 500 km. Der Mond erhielt vor einigen Milliarden Jahren einen schweren Volltreffer, wurde in große Einzelteile zerlegt, die sich aber kaum voneinander entfernten und sich nach einiger Zeit zu einem neuen Himmelskörper zusammensetzten. Dies erfolgte selbstverständlich nicht präzise und so setzte sich der große quadratische Block (siehe Foto), verkehrt herum in den neuen Körper hinein. Und so, wie ein nicht passgenauer Pflasterstein aus dem Verbundpflaster hinausragt, so steht der Block über der Mondoberfläche über und zwar volle 10 km, möglicherweise sogar 20 km! Das ist relativ so, als ob auf der Erde ein kontinentgroßer Block 250 km hoch herausragen würde.



Uranusmond Miranda mit auffälligen Großstrukturen

Die geringe Gravitation bewirkt, daß diese gigantische Wand nicht zusammenbricht. Auf der Erde gibt es hingegen keine senkrechten Steilwände von mehr als 1000 m, sie sind bodenmechanisch nicht stabil.


4. Der intensivste Vulkanismus

...ist auf dem Io zu finden. Dies ist sicher den Meisten schon bekannt. Aber es handelt sich um Schwefelvulkanismus, nicht um Silikatvulkanismus wie auf der Erde. Die vulkanische Intensität auf Io ist hundertmal stärker als die aller Vulkane der Erde zusammen. Die ursächliche Energiequelle ist nicht radioaktiver Zerfall + Restwärme (wie bei Erde, Venus, Mars) sondern Gravitationsenergie, die über Gezeiteneffekte wirkt, der Mond wird durch Wechselwirkung mit dem Jupiter und mit den anderen Monden auf seiner Umlaufbahn gleichsam durchgewalkt und dabei stark erhitzt. Der gesamte Energiefluß auf Io beträgt 1014 Watt und ist (pro Quadratmeter gerechnet) 20 mal so hoch wie auf der Erde.

Ausbrüche auf Io entstehen, wenn aus dem Inneren flüssige Silikatgesteine in die Kruste aufsteigen, und mit den dortigen dicken Schwefelablagerungen in Kontakt ko mmen. Diese werden partiell aufgeschmolzen. Wenn nun geschmolzener roter Schwefel mit flüssigem, blauem SO2 in Berührung kommt (flüssiges SO2 ist so beweglich wie Alkohol bei Zimmertemperatur und geistert demnach überall in der oberen Io-Kruste herum), dann verdampft dieses exposionsartig. Eine geysirartige Wolke aus SO2-Gas, blauer SO2- Flüssigkeit und SO2-Schnee steigt auf und bildet wunder-schöne Fontänen, deren Bahnen den klassischen Newtonschen Wurfparabeln nahekommen. Aber häufig verdampft auch schwarzer, teerartiger Schwefel direkt, wenn er heißer als 650 K wird.

Leider hat die Galileo-Mission u.a. einen Meßwert geliefert, welcher der Schwefel-Theorie massiv widerspricht. Es wurden nämlich Lavatemperaturen von 1700 bis 2000 K gemessen, viel zu heiß für Schwefel, also möglicherweise doch eine Silikatlava, wie auf der Erde? Die Farbgebung der Io-Oberfläche spricht jedoch eindeutig für Schwefelvulkanismus. Vielleicht war es nur ein Fehler beim Meßgerät? Wenn nicht, dann müssen die Planetologen ihre kleinen grauen Zellen kräftig in Gang setzen.

5. Der größte Reliefunterschied

(in absoluten Beträgen) ist auf dem Mars zu finden. Zwischen der Spitze des Mons Olympus und der Sohle des riesigen Hellasbeckens beträgt er 30 km. Auf der Erde wird der maximale Reliefunterschied vom Gipfel des Mount Everest und dem Witjas-Tief des Marianengrabens gebildet und beträgt nur 20 km. Bezogen auf den Durchmesser des betreffenden Himmelskörpers, sind die Reliefunterschiede auf manchen kleinen Monden und auf den Asteroiden, natürlich viel größer als auf dem Mars.

 

6. Der kälteste Fleck

im Sonnensystem ist der Triton, der größte Mond des Neptun. Es wurden dort Temperaturen von - 233 Grad C bis - 240 Grad C gemessen. Bei dieser Temperatur gefriert Stickstoff zu Eis, weswegen an den Polkappen des Triton Stickstoffeis existiert. Es gibt auch Stickstoffvulkanismus. Es klingt zwar verrückt, aber fast so kalt wie auf dem Triton ist es auf dem Merkur, dem heißesten Planeten des Sonnensystems. Seine Achse steht fast senkrecht auf der Ekliptik, und so liegen einige polare Krater seit Milliarden von Jahren im Schatten und erhalten nur ein wenig Wärme aus dem Merkurinneren, bzw. etwas Wärmeimport von den aufgeheizten Außenwänden der Krater. (Ähnliches gilt auch für den Mond).

 

7. Die höchste Albedo

also das höchste Rückstrahlvermögen für Sonnenlicht, weist der Enceladus auf. Er strahlt 80 % des eintreffenden Sonnenlichtes zurück, wirkt deshalb trotz seiner Kleinheit sehr hell und wurde aus diesem Grund schon frühzeitig entdeckt. Zum Vergleich: die strahlende Venus hat eine Albedo von 70 %, die Erde von nur 30 % und kohlenstoffreiche Asteroiden von 4 %.

Der Name dieses Saturnmondes ist sehr passend, denn seine Helligkeit verdankt er tatsächlich dem Wassereis, von dem seine Oberfläche bedeckt ist. Wassereis ist auf Himmelskörpern im äußeren Sonnensystem aber nicht weiß, sondern schwarz! Der Grund besteht in einem teilweise hohen Anteil an Methan und anderen Kohlenwasserstoffen, es handelt sich um „verunreinigtes“ Wassereis, sog. Chlatrat. Unmittelbar nach der Entstehung ist dieses Eis noch blendend weiß. Aber nach geologisch und kosmologisch sehr kurzer Zeit „altert“ das Eis unter dem mörderischen Bombardement kosmischer Teilchen, vor allem durch Protonen, welche durch die starken Magnetfelder der großen Planeten auf halbe Lichtgeschwindigkeit beschleunigt werden.

Treffen solche Teilchen auf Kohlenwasserstoffmoleküle, werden die Wasserstoffatome herausgeschlagen, die Verbindungsbrücken zum Kohlenstoff sozusagen geknackt. Wasserstoff entweicht, der Kohlenstoff reichert sich an, das Zeug wird schwarz.


Saturnmond Enceladus. Quelle: NASA

Aber warum ist der Enceladus so hell, beinahe schneeweiß? (Man lasse sich von dem gelblichen Ton der obigen Falschfarbenaufnahme nicht täuschen!).

Seine Oberfläche ist jung, geologisch gesehen erst gestern entstanden. Weil der Mond starken Gezeitenkräften unterliegt (durch den Saturn und die Wechselwirkung mit anderen Monden) wird er, wie der Io auch, förmlich durchgeknetet, um einige hundert Grad aufgeheizt und weist deswegen einen Vulkanismus auf (d.h. Wasser-Vulkanismus, im Gegensatz zum Silikatvulkanismus der Erde, dem Schwefelvulkanismus des Io und dem Stickstoffvulkanismus des Triton). Regelmäßig überfluten große kohlenwasserstoffhaltige Wassermassen die Oberfläche des Mondes, gefrieren, bilden ein helles Eis und werden lange vor ihrer Schwärzung erneut überflutet.


8. Der sicherste Ort für Astronauten, den Verstand zu verlieren

sind hantelförmige Asteroiden. Solche kuriosen Doppelgebilde sind gar nicht so selten wie man annehmen könnte. Es gibt etliche Doppelasteroiden, sie entstehen, wenn zwei ähnlich große Körper mit geringer Geschwindigkeit zusammenstoßen, dabei weder zerplatzen oder verschmelzen, sondern durch mehrfaches aneinander rollen und reiben, eine dünne Kontaktzone bilden, quasi eine Brücke. Was passiert nun mit einem Astronauten, wenn er einen solchen Doppelkörper zu Fuß, (sicherlich angeleint oder mit Rückstoßpistole bewaffnet) erkundet? Nun, er könnte schon verrückt werden, wenn er nicht über genug Humor verfügt.


Schemaskizze eines hantelförmigen Asteroiden

Er fängt zunächst an der Außenseite einer Hantel an, in Richtung Nordpol zu gehen. Dabei verspürt er fast keine Gravitation, weil diese einerseits gering ist und andererseits durch die hohe Rotationsgeschwindigkeit an der Außenseite der „Hanteln“ kompensiert wird. Er läuft Richtung Horizont (der seltsam nah ist). Nach einiger Zeit taucht über dem Horizont ein zweiter Horizont auf, dies ist die andere „Hantel“.

Wenn er sich dann dem Berührungspunkt der beiden Körper nähert, nimmt sein Gewicht ständig ab und die Richtung des Gravitationsfeldes verschiebt sich zum Horizont. Beim Abstieg weicht der Astronaut ständig nach der Seite von seinem eingeschlagenen Weg ab. Irgendwann wirkt die Scherkraft horizontal, er muß sich an Felsvorsprüngen festhalten um nicht von der Corioliskraft weggerissen zu werden. Im Tal zwischen den beiden „Hanteln“ findet man einen breiten Streifen aus zermahlenem Gestein, in der Kontaktzone reiben sich die beiden Asteroiden ständig aneinander. In diesem engen Tal mit steilen Wänden, befindet sich der Astronaut am Nordpol und zwar fast in Schwerelosigkeit. Nach ein paar hundert Schritten entlang des Tales kommt er am Südpol an und wird spätestens dann zu der Erkenntnis kommen, daß dieser Ort unwohnlich ist.


9. Die geringste Dichte

im Sonnensystem weist der Saturn auf. Sie beträgt 0.7 g / cm3 , ist also geringer als die Dichte von Wasser und entspricht dem Raumgewicht von Eichenholz. Die Dichte der Erde beträgt zum Vergleich 5.6 g / cm3 , die des Mondes 3.4 g / cm3. Nun wird jemand zu Recht einwenden, daß Kometenkerne infolge ihrer schaumigen Struktur noch viel geringere Dichten aufweisen, aber bei diesen kleinen Körper mit ihrem winzigen Gravitationspotential, ist dies ja auch kein Wunder. Jedoch der riesige Saturn mit seinen 100 Erdmassen - das ist schon verblüffend.

Ein gewagtes Gedankenexperiment sei hier gestattet: wenn die Erde enorm viel größer wäre und trotzdem nur die gleiche Schwerkraft hätte wie jetzt, und der Saturn seinerseits das Wasser der Erde nicht zu einem riesigen Flutberg auftürmen würde, dann könnte man ihn im Ozean schwimmen lassen, Er würde zu 70 % eintauchen, ein Drittel würde als gigantische 30 000 km hohe, gelbe Halbkugel aus dem Wasser ragen!


10. Die schiefste Rotationsachse

weist der Uranus auf. Sie ist um 98 Grad geneigt, der Planet rollt quasi in der Ekliptik. Astrophysiker gehen davon aus, daß er in seiner Frühphase einen gigantischen Schlag verpasst bekam, (etwa durch einen erdgroßen Körper). Die Folgen sind interessant, denn Tageszeiten und Jahreszeiten fallen deshalb auf dem Uranus zusam-men. Der Südpol kann z.B. über viele Jahre hindurch die Sonne im Zenith haben. Die Uranusmonde weisen dieselbe Achsenneigung wie der Planet auf, das gesamte Mondsystem rotiert also senkrecht zur Ekliptik, was bedeutet, das die Monde natürlich nicht zeitgleich mit dem Uranus entstanden sind sondern sich nach dem „Umkippen“ bildeten.


11. Der größte Sprayer

...im Sonnensystem ist der Io. Denn dieser Mond färbt wahrscheinlich den Jupiter, auf jeden Fall aber seinen kleinen, innersten, Mond Amalthea orangerot ein. Dies funktioniert mittels gigantischer elektrischer Entladungen. Der Io bewegt sich innerhalb des extrem starken Magnetfeldes des Jupiters. Dadurch werden in dem Mond starke elektrische Ströme induziert. Das Magnetfeld beschleunigt die vielen geladenen subatomaren Teilchen, z.B. Protonen und Elektronen, auf unvorstellbare Geschwindigkeiten (übrigens eine tödliche Gefahr nicht nur für Astronauten, sondern auch für empfindliche Geräte).

Viele dieser Teilchen werden vom Io und seinen Vulkanausbrüchen geliefert. Die ionisierten Teilchen und Elektronen winden sich entlang der magnetischen Feldlinien, die Jupiter mit der Atmospäre des Io verbinden, und erzeugen so den stärksten Stromkreis des Sonnensystems. Seine Spannung beträgt 400 000 Volt, seine Gesamtleistung entspricht 10.000 Gigawatt, der 10-fachen Leistung der gesamten irdischen Stromerzeugung.


Io vor dem Jupiter, man beachte die Farbähnlichkeit. Quelle: NASA

Auf diese Weise wird auch ionisierte Materie in Bewegung gesetzt. Es hat sich ein riesiger rotierender Torus aus Schwefel-u. Sauerstoff-Ionen gebildet. Der Io wird beim Durchflug durch das Jupitermagnetfeld ständig von Elektronen bombardiert und Schwefelatome von Ios Oberfläche gelangen ihrerseits zum Mond Amalthea und auch zu den Magnetpolen des Jupiter. Die rötliche Färbung der Amalthea-Oberfläche ähnelt deshalb auffallend der Färbung des Io und manche Wissenschaftler halten auch die teilweise orangerote Färbung des Jupiter für eine Wirkung der Io-Materie. Die Io-Vulkane liefern pro Sekunde eine Tonne Material nach.


12. Der relativ größte Einschlagskrater

befindet sich auf dem Saturnmond Mimas. Es ist die Größe des Kraters im Verhältnis zu dem Objekt, auf dem er sich befindet, gemeint. Der Krater entstammt einem so gewaltigen Einschlag, daß der Mimas damals (vor ca. 4 Mrd. Jahren) schon im Begriff war, sich zu zerlegen, aber gerade noch den inneren Zusammenhang bewahren konnte. Der Kraterdurchmesser beträgt immerhin 30 % der Mimasdurchmessers! Manchem wird der Anblick bekannt vorkommen, sowas haben wir doch schon im Kino gesehen?


Klar, das ist der Todesstern des Imperators in Star Wars, Teil I (nach alter Zählung).

Er ist aber nicht abgekupfert worden, denn der Mimas wurde erst vier Jahre nach dem Erscheinen des Filmes von Voyager I fotografiert!

 

13. Der bizarrste Lauf der Sonne

ist auf dem Merkur beobachten, wenn man Hitze gut verträgt. Ein Merkurtag zieht sich über zwei Umrundungen der Sonne hin, dauert also zwei Merkurjahre. Er rotiert in 59 Erdtagen, das sind zwei Drittel der 88 Erdtage eines Merkurjahres. Nach zwei Merkurjahren hat ein Punkt auf der Oberfläche wieder die gleiche Tageszeit.

(59 x 3 = 177 und 88 x 2 = 176)

Manchmal scheint die Sonne am Himmel still zu stehen, sie wandert zu anderer Zeit mal rascher, mal schneller über das Firmament. Zum Zeitpunkt des Stillstandes im Zenith, befindet sich der Merkur auf seiner hochelliptischen Bahn besonders sonnennah und die Sonne brennt mit bis zu 14 kW / qm unbarmherzig auf die Oberfläche, die sich auf bis zu 500 grad C erwärmen kann.

An diesen beiden Punkten des Äquators wurden 0 Grad W und 180 grad W definiert. Das gewaltige Caloris-Einschlagbecken erhielt seinen Namen wegen der dort alle 176 Tage wiederkehrenden Hitzewelle. An diesen Hitzepolen steigt die Sonne rasch zum Zenith auf und verharrt dann lange dort. Bei 90 Grad Ost  und 270 grad West hingegen schleicht die Sonne langsam am Morgenhimmel herum und geht dann einfach wieder unter - keine Lust morgens, das kenne ich. Nach dem zweiten Aufgang eilt sie dem Zenith zu, scheint dort aber nur mit 6 kW/m2 und geht dann schnell unter, natürlich zweimal.

Somit kommt es an den Hitzepolen zu einer mehrfach höheren Einstrahlung als an den Kältepolen. Deshalb spielen auf dem Merkur die Breitengrade für das „Klima“ eine geringere Rolle als die Längengrade. Entlang des Äquators herrschen größere Temperaturunterschiede als zwischen Äquator und z.B. dem 50. Breitengrad. Auf die Erde übertragen, gäbe es Hitzepole im Kongobecken und im Zentralpazifik und Kältepole in Indonesien und am Amazonas. Die Temperaturunterschiede zwischen beiden wären größer als zwischen dem Kongo und Mitteleuropa.


14. Der gewaltigste Wasserfall

der Jetztzeit ist natürlich auf der Erde zu finden: die Matadi- Stromschnellen des Kongoflusses in Bezug auf die Abflußmenge und der Angel Falls (Venezuela) in Bezug auf die Fallhöhe.

Aber vor langer Zeit existierte der größte Wasserfall des Sonnensystems auf dem Mars. Es gab mehrere nasse und gemäßigt warme Phasen in der Marsgeschichte mit periodischen Überflutungen der halben Marsoberfläche durch sintflutartig austretendes Schmelzwasser aus dem Permafrostboden des Planeten. Am Ostausgang des Valles Marineris, nahe dem Capri Chasma, ungefähr bei 10 Grad Süd und 45 Grad West, stürzte zeitweise ein Strom mit der Abflußmenge des Amazonas oder des Kongo mehrere hundert Meter in die Tiefe. Das Wasser hatte mit Sicherheit riesige Mengen roten Gesteinsstaub gelöst.

Man stelle sich den atemberaubenden Anblick vor: ein 500 m hoher und viele Kilometer breiter, blutroter oder rostroter Wasserfall! Aber vom National Geographic war leider keiner dabei.


15. Die höchste Windgeschwindigkeit

ist auf dem Saturn gemessen worden. Sie beträgt bis zu 1800 kmh, in der Erdatmospäre wäre dies die sechsfache Schallgeschwindigkeit. In der dichten Saturnatmospäre liegt die Schallgeschindigkeit aber viel höher als auf der Erde, so daß die Luftmassen auf dem Saturn sich langsamer als der Schall bewegen. Auf dem Neptun gibt es aber tatsächlich Stürme mit Überschallgeschwindigkeit.

 

16. Die größten Wasservorkommen

...im Sonnensystem gibt es auf dem Uranus. Allerdings nicht in flüssiger Form, sondern als Eispanzer. Seine Mächtigkeit beträgt vermutlich 8000 km. Die Masse dieser Schicht entspricht wahrscheinlich der vierfachen Erdmasse bzw. der 30 000 fachen Masse des Pazifischen Ozeans. Ob es sich um reines Wassereis handelt, ist nicht bekannt. Es ist auch nicht leicht zu schmelzen, denn seine Temperatur liegt bei ca. – 170 Grad Celsius, jedenfalls in den oberen Schichten Daraus folgt auch seine extreme Festigkeit, es handelt sich um Eis III und Eis IV, für uns exotische Eisvarianten, die nur bei extremer Kälte existieren, mit der Härte von bestem Stahl, aber nicht elastisch, sondern spröde.


17. Der schönste Planet im Sonnensystem?

Die Erde natürlich! Aber warum eigentlich? Daß wir das alle so empfinden, ist kein objektives Argument! Ein Wesen aus der Andromeda-Galaxis würde uns möglicherweise ernsthaft versichern, daß nur eine Welt aus grauem, radioaktivem Schleim schön sein kann. Aber gibt es denn ein objektives Kriterium für Schönheit? So objektiv, daß auch ein Titanbewohner neidvoll anerkennen müßte, daß die Erde noch schöner sei als sein Heimatplanet? (ich nenne die Monde von Jupiter und Saturn immer Planeten, das ist astrophysikalisch nicht ganz abwegig). Anders ausgedrückt: gibt es Gründe dafür, daß ein unparteiischer exoterrestrischer Schiedsrichter die Erde von allen Himmelskörpern des Sonnensystems als den Schönsten anerkennen müsste?

Schönheit ist nicht nur ein subjektives Empfinden, sondern sie ist ist auch an mathematische Beziehungen und physikalische Ordnungen geknüpft, die alten Griechen wußten dies und Heisenberg hat mal einen berühmten Aufsatz über dieses Thema geschrieben: „Der Teil und das Ganze“ 1969.


Eine griechische Bucht. Entstanden durch das Zusammenwirken von Sonnnenenergie, Stoffwechsel und radioaktiver Zerfallswärme.

Unser blauer Himmel ist nicht nur gefühlsmäßig schöner als der lachsfarbene Himmel des Mars, der weißgraue Himmel der Venus und der (wahrscheinlich) dunkelrot-braune Himmel des Titan. Der blaue Himmel deutet ganz objektiv auf günstige Lebensbedingungen hin. Er ist ein Produkt der Raleigh-Strahlung, der Streuung des Sonnenlichtes an den Stickstoff- u. Sauerstoffmolekülen der Atmosphäre. Das kurzwellige blaue Licht wird dabei stärker gestreut als die übrigen Farbanteile und kommt daher von allen Seiten auf unser Auge zu.

Atmosphären mit hohem Staub- oder Dampf- oder Aerosolanteil können nicht blau aussehen, sondern weiß, rötlich, bräunlich oder grau. Warum kann graues Licht (London, Hamburg - Nieselregen) denn nicht schön sein? Weil es mehrfach gebrochen, reflektiert und gestreut worden ist ( vor allem an Wassertropfen und Staubteilchen) und dabei seinen Charakter unwiderruflich verändert hat. Seine Temperatur beträgt nur noch einen Bruchteil der 6000 Grad Celsius , die das normale weißgelbe Sonnenlicht hat, wenn es auf die Erde trifft, (Temperatur und Farbe einer Strahlung bedingen einander, mehr noch, sie sind eigentlich dasselbe). Dieses graue Licht kann man nicht mehr fokussieren, seine Richtung ist unbestimmt, der Informations- und Energiegehalt seiner Photonen ist reduziert, es wirft keine Schatten.

Es hat für die Biosphäre prinzipiell weniger Wert als das weißgelbe, reine und unverfälschte Sonnenlicht. Ist es dann erstaunlich, wenn alle Menschen graues Licht als unschön empfinden? Und, außer in Norddeutschland und angrenzenden Gebieten, ist das graue Licht auf der Erde viel seltener als das farbige Licht, ganz anders ist das auf der Venus.

Die Erde ist auch deshalb schön, weil sich auf Ihr (chemisch und physikalisch) alles im Ungleichgewicht befindet. Die Berggipfel liegen viel zu hoch über dem Meeresspiegel, sie werden mit rasender Geschwindigkeit abgetragen. Dabei entstehen tiefe Täler, Steilhänge, fruchtbare Schwemmlandfächer. Aber so schnell die vom Sonnenlicht angetriebe Erosion auch wirkt, sie hat kaum eine Chance gegen die Hebungskräfte aus dem Erdrinneren, die eine Folge der hohen radioaktiven Zerfallswärme in Erdkern und Erdmantel sind.

Eine so geprägte Planetenoberfläche ist voller Extreme und Ungleichgewichte (z.B.Sanddünen, Eisberge,Vulkane, Korallenriffe, Mammutbäume, Wasserfälle und Wolkenkratzer), und weist deshalb einen hohen Ordnungsgrad auf. Damit ist gemeint, daß der Informationsgehalt des Systems besonders hoch ist, weil zur Beschreibung jedes Berghanges, jedes Gewässers, jeder Pflanze und jeder Wolke viel mehr bit benötigt werden als zur Beschreibung eines toten Eisklumpens oder eines felsigen Asteroiden.


Blick auf den Kratersee von Santorin

Und nicht zuletzt ist der Planet Erde der schönste Planet des Sonnensystems, weil Menschen auf ihm leben und arbeiten. Der Zeitgeist (vor allem der in Deutschland herrschende) irrt gewaltig, wenn er annimmt (sogar a priori voraussetzt), daß die reine Natur am schönsten und jegliche kulturelle oder zivilisatorische Einwirkung nur von Übel sei. Bei aller Häßlichkeit, die Menschen produziert haben (z.B. Müllhalden, Plattenbausiedlungen, Karstadtfilialen und vieles mehr), sie haben der Natur oft erst das I-Tüpfelchen aufgesetzt. Denn was wäre die Alpenlandschaft ohne 3000 Jahre Landwirtschaft mit ihren vielfältigen reizvollen Spuren, was wäre die Lagunenlandschaft vor der Po-Mündung ohne Venedig, das bretonische Watt ohne den Mont Saint Michel und die Ägäischen Inseln ohne die blendend weißen griechischen Häuser und Tempel?

Das obige Bild des Kraters von Santorin zeigt eine Landschaft, die auf jedem anderen Planeten des Sonnensystems unvorstellbar wäre. Und gänzlich einzigartig im Sonnensystem ist die blendendweiße Marmorterrasse mit ihren Sonnenschirmen und blauen Tischen, an denen man, vielleicht mit Musik, ein Moussaka mit einer Flasche Rotwein und einer Tasse Espresso genießen kann, einfach exorbitant!


Autor: Michael Boden


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