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Raumfahrtpioniere - Ein paar allgemeine Bemerkungen

Als Väter der Raumfahrt werden von Leuten, die sich mit dem Thema nur bedingt beschäftigt haben, meistens genannt:

Ziolkowski (1857-1935)

Goddard (1882-1945)

Oberth (1894-1989)

Als Epigone dann auch noch Wernher von Braun (1912-1977), der ein genialer Praktiker war, aber später auf den Erkenntnissen der großen Drei aufbaute. Von Goddard wusste er bis 1945 gar nichts, von Ziolkowski wenig. Geprägt  wurde er von Oberth.

Eugen Sänger (1905-1964) wird häufig vergessen, das ist völlig ungerechtfertigt.  

Ziolkowski, 1857 geboren, in Kaluga, einem zentralrussischen Kaff, ist vielleicht der bewundernswerteste aller Raumfahrtpioniere. Er lebte vereinsamt und taub in einer ignoranten, abergläubischen, von ungebildeten Popen, analphabetischen Bauern und Geheimpolizisten geprägten Gesellschaft. Anregungen von aussen erhielt er ganz wenig. Er war reiner Autodidakt und lebte in seiner ersten Lebenshälfte in einer fast technikfreien Welt, von der Eisenbahnlinie Kaluga-Moskau mal abgesehen.

Seine theoretischen Arbeiten sind schlichtweg genial und gipfeln in der erstmaligen Formulierung der klassischen Raketengrundgleichung (1903). Aber man muß leider konstatieren, daß er auch ganz besonders wenig realen Einfluss auf Entwicklung der Raketentechnik gehabt hat. In Russland wurde er ignoriert und der Westen bekam sowieso nichts mit von diesem Physiklehrer aus der finstersten Provinz. Erst nach 1923 machten Ihn die Sowjets bekannt, ganz stolz, daß nicht nur Deutsche, Österreicher und Franzosen sich der Weltraumfahrt verschrieben, sondern eben auch ein Russe. Aber Oberth hatte inzwischen schon sein epochales Werk „Wege zur Raumschiffahrt“ veröffentlicht. Er ist von Ziolkowski nur nachträglich beeinflusst worden. Goddard hatte seine theoretischen Grundlagen auch schon fertig.     

Goddard? Welcher Goddard? Keine Spur von ihm in Europa. Völlig unbekannt, bis Wernher von Braun 1945 dessen Unterlagen studierte und sich an den Kopf fasste. „Goddard hatte Alles“ , alles was man braucht, um starke Raketen zu bauen.  Warum haben die Amerikaner dann nicht 1944 Deutschland mit Raketen beschossen?

Die Antwort lautet:  "einfach gepennt".

Goddard war ein vielseitiges Genie! Er war im Gegensatz zu Ziolkowski nicht nur ein glänzender Theoretiker, sondern auch ein umtriebiger Experimentator.  Aber alles umsonst. Er war nämlich auch bescheiden und schüchtern, was man von Oberth, von Braun, Sänger und all den anderen Deutschen Raketenpionieren wahrlich nicht behaupten kann. Die haben es so weit getrieben, daß schließlich sogar ein toller Raumfahrtfilm gedreht wurde (Frau im Mond von Fritz Lang). Und Fritz Opel baute 1928 ein Raketenauto, mit dem er die Avus entlang düste.

Goddard aber wurde verlacht und angegriffen in Amerika (von unwissenden Journalisten vor allem, aber auch von einem dummen Ingenieur, der noch nicht mal die Newtonschen Gesetze begriffen hatte). Er vestummte und zog sich enttäuscht zurück, statt offensiv oder gar aggressiv zu kämpfen. So wußten die Amerikaner bis 1945 gar nicht, wenn Sie da in ihrem Land hatten. Goddard baute im Gegensatz zu Ziolkowski richtige tolle und schnelle Raketen, (er ist übrigens auch der Erfinder der Bazooka, also der Panzerfaust).

Aber man muß zugestehen, daß er es auch viel leichter hatte als der Russe. Er wuchs nicht in einer verschneiten Wildnis auf, sondern in Neuengland um 1900. Das ist schon was Anderes. Es war eine technikbesessene, zutiefst wissenschaftsgläubige Kultur, die Ihn prägte – die Zeit von Edison und Ford. Es hätte z.B. sein können, daß vor seinem Fenster eine elektrische Hochbahn fuhr, oder unter seinem Haus eine U-Bahn. Als er acht Jahre alt war, wurden Lochkartenmaschinen eingeführt. In einer solchen Welt ist es nicht mehr ganz so erstaunlich, daß jemand sich Gedanken über Weltraumfahrt macht.

Und wie sah es in Transsylvanien aus, in der großen Metropole Schäßburg (heute Sighisoara)? Dort ist Herman Oberth aufgewachsen. Nein, ohne Vampire, obwohl Dracula im 15. Jh. dort angeblich gelebt haben soll. Sondern in einer properen deutschen Kleinstadt, die vorzügliche Bildungeinrichtungen hatte, es war ja die k.u.k. Monarchie, wenn auch nur die Osthälfte, nämlich das Königreich Ungarn. Aber dies war damals nicht wirklich Balkan sondern Mitteleuropa. Man lag abseits, aber nur geographisch, nicht kulturell, wie in Kaluga.

Und das Leben war dort 1910 so fortschrittlich, daß es sogar ein Freiluft-Schwimmbad gab. Mit einem Zehnmeter-Sprungturm! Und den nutzte der jugendliche Oberth nicht, um den Mädels zu imponieren, sondern um immer wieder und wieder 10 Meter im freien Fall zu erleben. Da war er für 1.5 Sekunden schwerelos wie ein Astronaut. Und beim Eintauchen ins Wasser wurde er mit einigen g abgebremst. So tastete sich der 17-jährige intuitiv und empirisch an das wichtigste medizinische Problem der Raumfahrt heran. Das hätte Ziolkowski nur haben können, wenn er hunderte Male von einem hohen Baum in den Fluß geprungen wäre. Vermutlich wäre er dann nicht alt geworden.

Eugen Sänger war ein Landsmann von Oberth, aber aus der westlichen Reichshälfte, aus Böhmen. Er wuchs in einem technisch, kulturell und wirtschaftlich hochentwickelten Landesteil auf. Als Jugendlicher wurde er im Krieg nach Budapest auf ein Internat geschickt.
Danach kam er nach Wien und studierte dort in anspruchsvoller Umgebung. Wien war damals ein Mekka der Ingenieuerswissenschaften. Und das faszinierende Deutschland mit seiner Raketen- und Raumfahrteuphorie lag so nahe. Somit hatte der junge Eugen Sänger genug Anregungen, die ihn auf seinen Weg brachten. Ab 1933 war dann im Nachbarland erstmal Schweigen angesagt, denn Hitler hatte persönlich den öffentlichen Gebrauch der Worte „Raumfahrt“ und „Raketen“ untersagt.

Vor allem mit Raumfahrt hatte er nichts am Hut. Daß heimlich miltärische Forschung betrieben wurde, konnte aber Sänger nicht entgehen. Er folgte 1936 einem Ruf nach Berlin, landet aber nicht in Peenemünde beim Heer, sondern in Trauen, bei der Luftwaffe. Sänger hat sich auch später immer besonders gern mit der aeronautischen Raumfahrt beschäftigt. Raumgleiter interessierten Ihn mehr als Raketen.

Er hätte lieber gleich nach den USA gehen sollen. Aber woher sollte er wissen, daß man sich dort überhaupt mit Raumfahrt und Raketen beschäftigte? Denn Goddard werkelte im Stillen vor sich hin. Es gab bei seinen Interessen eigentlich nur Deutschland für Ihn. Weder die Amerikaner noch die Russen kriegten Ihn 1945, wie es allen Peenemündern erging.

Sänger ging freiwillig zu den Franzosen und entwarf dort einige Jahre lang u.a. Staustrahlflugzeuge. Dann arbeitete er von 1952 bis 1964 in Deutschland. Und als ein echter workoholic ist er dann 59 -jährig bei der Arbeit zusammengebrochen. Wer sich antiquarisch oder aus einer gut sortierten Bibliothek sein Buch „Raumfahrt-heute -morgen-übermorgen“ 1963 beschaffen kann, sollte dies unbedingt tun. Und hier ist sein Lebenswerk zusammengestellt, da wird einem  schwindlig.

 


Autor: Michael  Boden

 

 

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