Arthur Clarke - ein paar Gedanken aus Anlass seines Todes

Vor diesem Tag habe ich mich schon seit Langem gefürchtet, vor dem Tag nämlich, an dem Arthur Clarke nicht mehr unter uns ist. Daß er ein so langes Leben führen durfte, das ist nur ein schwacher Trost.

Dieser große unverbesserliche Optimist, der das Zwanzigste Jahrhundert im besten Sinne verkörperte, war ein Ideengeber für die Raumfahrt und den zivilisatorischen Fortschritt, wie nur wenige Andere. Auf seine vielen technischen Visionen, wie z.B. den Space Elevator oder die elektromagnetischen Katapulte auf dem Mond, will ich hier nicht näher eingehen, sondern auf ein paar Aspekte seiner Weltanschauung.  
 

Der Vatikan ist 3000 Lichtjahre entfernt

So lautete der erste Satz, den ich je von ihm las. Das war 1974, als ich aus der DDR in den Westen kam und mir die Kurzgeschichte „Der Stern“ (1950) in die Hände fiel. Ich war bis dahin nur dröge, relativ phantasiearme „utopische Romane“ aus der DDR gewöhnt, den Begriff science fiction gab es dort nicht.  

Nun, dieser erste Satz der Geschichte fesselte mich sofort, und Arthur Clarke hat mich seitdem nicht mehr losgelassen. Der Stern, daß ist ein Supernovarest, zu dem das fast lichtschnelle „Photonenraumschiff“ 3000 Jahre lang unterwegs war, um ihn zu erforschen, nicht ahnend, daß dort eine wundervolle Zivilisation mit Milliarden Lebewesen verglüht ist, gerade als deren Auswandererlotten fast schon fertig waren.

Und auf wenigen Seiten bringt Arthur Clarke es fertig, die Gedanken des entsetzten Jesuiten (er ist der Astrophysiker an Bord) zu schildern und den Lesern daran teilhaben zu lassen, wie das Christentum dieses tief gläubigen Mannes zerfetzt wird, als er errechnet, daß Gott diese Supernova benutzt hat, um die Geburt seines Sohnes in Bethlehem anzukündigen. Er hätte eine andere Sonne benutzen können oder noch ein paar Monate warten können, aber nein. Dem Leser bleibt es überlassen, die Schlußfolgerung zu ziehen, nämlich : daß es gar keinen (persönlichen) Gott gibt, oder wenn doch, daß er böse ist.

Es wurde Clarke immer wieder nachgesagt, daß er ein Atheist sei. So ein richtiger Atheist war er gar nicht. Ein gläubiger Christ war er ganz bestimmt nicht, eher ein Agnostiker, der die Existenz eines höheren, schaffenden Wesens immerhin für möglich hält, jedenfalls nicht kategorisch ausschließt. Und er war selbstironisch. Von Astrologie hielt er gar nichts. "Ich bin Schütze und Schützen sind skeptisch", sagte er einmal.

Was ihn mit Sicherheit abstieß, war ein geistig enger, buchstabentreuer Glaube, also ein Fundamentalismus jedweder Coleur, ein pfäffisches oder mullahmäßiges Gottesbild eben. Immer wieder ist bei Clarke ein Bezug zu theologischen Themen zu finden.  

In „Die neun Milliarden Namen Gottes“ richtet IBM das Universum zugrunde, weil es einen teuren Supercomputer an ein tibetanisches Kloster verkauft, in der Meinung, das seien doch alles nur harmlose Spinner.  Aber die Spinner finden mit diesem Rechner binnen einer Stunde unter neun Milliarden verschiedenen Kombinationen den richtigen Namen Gottes heraus. Dieser ist nun seinerseits ein Spinner, denn er hat die Menschheit nur geschaffen, um diese Denksportaufgabe zu lösen. Da sie nun gelöst ist, nimmt er die Schöpfung zurück, über den Computertechnikern, die sich gerade auf den Heimweg machen wollen, verlöschen die Sterne am Himmel – Pech gehabt, man sollte sich immer gut überlegen, wem man was verkauft.  

Das Paradies, die ewige Stadt Gottes aus  der Offenbarung des Johannes, wird in
„Die sieben Sonnen“ literarisch aufgegriffen. Als ich vor 30 Jahren diese großartige Geschichte der - zwei Milliarden Jahre alten - Stadt Diaspar las, merkte ich, mangels ausreichender Bibelkenntnisse, davon gar nichts. Es war nur so, daß mir diese merkwürdige Stadt auf diffuse Art bekannt vorkam. Jahre später, als ich gelangweilt in einem Hotelzimmer aus der Nachttischschublade eine Bibel fischte und ein bißchen in der Johannes-Apokalypse las, stutzte ich. Diaspar ist nämlich, so scheint es wenigstens zunächst, die einzige menschliche Ansiedlung auf der uralt gewordenen Erde.

 Alle Menschen haben sich in diese gigantische, in einer Kilometertiefen Senke gelegene,  Stadt zurückgezogen. Außerhalb gibt es nur Wüste. Die Meere sind ausgetrocknet, die meisten Sterne erloschen oder ganz matt.

In der Stadt leben nur zehn Millionen Menschen gleichzeitig, und zwar jeder 1000 Jahre lang. Die anderen Milliarden „schlafen“ zwischenzeitlich als Informationen in den unzerstörbaren Schaltkreisen des gigantischen Zentralcomputers. Sie werden in unregelmäßigen Abständen wieder geweckt, in neue menschliche Körper verpflanzt und können weitere 1000 Jahre leben, mit einem Teil der alten Erinnerungen, den sie selber vorher ausgesucht haben. So gibt es in Diaspar also eine Unsterblichkeit. Tod und Krankheit sind unbekannt. Arbeit ist nicht erforderlich.

Der Zentralcomputer steuert auch die Positionen aller Moleküle der Stadt, so daß es keine Abnutzung und keine Entropie gibt. Tiere existieren nicht. Das Sonnenlicht spielt keine Rolle, alles wird von einem der Atmosphäre inhärenten Licht bestrahlt. Es gibt zwar laufend kleine Veränderungen im angenehmen und ungefährlichen Leben der Bewohner, aber eben keine zielgerichteten, keine Geschichte, keine Evolution, kein wirkliches Abenteuer. Die Menschen spielen den ganzen Tag nur herum.   

Das ist das Neue Jerusalem, die ewige Stadt Gottes (hier ist es statt Gott eben ein Zentralcomputer).

Dieser gigantische Computer ist natürlich von Menschen erbaut worden (und zwar einige Millionen Jahre in der Zukunft). Er sollte ihnen die Flucht in den Schoß der alten Erde ermöglichen um dort ein ewiges, immer gleichbleibendes und vor allem, ein gefahrloses Leben zu ermöglichen. Dieser Fluchtreflex – raus aus der Realität - resultierte aus einer Reihe von traumatisierenden Erlebnissen bei der kulturellen Ausbreitung der Menschheit im Weltall.

Diese hatte einige Millionen Jahre lang wagemutig und selbstbewusst expandiert und war in einen friedlichen Wettbewerb mit den tausenden anderer Zivilisationen getreten. Dann folgte die große Ermattung, auch hatte man einen schrecklichen Fehler bei der Schaffung eines künstlichen Gehirnes begangen, jedenfalls verlor man die Lust an der space frontier, an immer Neuem und Unbekanntem, das auf die Menschheit einstürmte – und zog sich zurück.
Für fast zwei Milliarden Jahre!

Alvin, der  junge Held der Geschichte kommt den Ursachen für die Abkapselung Diaspars auf die Spur und sprengt die Fesseln. Das autistische Diaspar muß sich wieder der Welt öffnen.
Der Zentralcomputer stellt seine Tätigkeit ein, die Unsterblichkeit ist verloren, dafür ist ein Universum wieder gewonnen und echte Handlungsfreiheit möglich. Die in sich eingerollte Zeit öffnet sich zu einem Zeitpfeil, damit wird wieder das möglich, was man Geschichte nennt.

Arthur Clarke trat immer für eine offene und neugierige Gesellschaft ein und ließ deshalb in seiner Erzählung die ewige Stadt scheitern. Und wir? Bauen wir schon an einem Diaspar? Sind wir in Gefahr, uns in eine wohlige Höhle zu flüchten? Zukunft und Vergangenheit aus dem Blick zu verlieren? Dem rauhen, feindseligen und doch verlockendem Kosmos schon wieder den Rücken zu kehren. Die Deutschen sind im Geiste schon eingezogen in diese Schutzburg, die übrige Welt lässt da noch ein bißchen hoffen.

Eine generelle Abwendung vom Weltraum ist durchaus zu beobachten, wenn auch je nach Weltgegend unterschiedlich stark.  Damit meine ich gar nicht ein etwaiges Desinteresse an konkreten Projekten, wie Marssonden, oder  den unglaublich spektakulären Entdeckungen der Cassini-Sonde. Solche Sachen sind im Allgemeinen immer noch sehr populär, auch wenn sie von der deutschen, verschnarchten, Öffentlichkeit weniger stark wahrgenommen werden als anderswo.

Sondern ich meine, daß das Gefühl der Einbettung der Erde in kosmische Prozesse nachgelassen hat. Zunehmend wird die Erde (von Politik und Öffentlichkeit, nicht von den Naturwissenschaftlern) als abgeschlossenes System wahrgenommen. Die Begrenztheit unserer irdischen Energie- und Rohstoffvorräte wird nicht in den größeren Zusammenhang des Sonnensystems gestellt. Aber die Erde ist nicht nur energetisch offen, sondern auch materiell und sogar biologisch. Sie hat möglicherweise sogar ihre ganze Hydrosphäre aus dem All „importiert“, ein Vorgang der nach Meinung einiger Wissenschaftler, auch jetzt noch weiter geht. Mit größter Selbstverständlichkeit wird die menschengemachte Zunahme eines eher harmlosen Spurengases als Klima regulierend angesehen.

Kosmische Einwirkungen auf das Klima werden hingegen schlicht geleugnet, ja gerade zu als alberne, unseriöse Phantasterei abgetan. Und dies, trotz massiver Hinweise auf mittelfristige und langfristige Klimabeeinflussung infolge Sonnenwind, Verformung des Erdmagnetfeldes und damit einhergehender Schwankungen der kosmischen Höhenstrahlung (mit daraus folgender Wolkenbildung).

Die oszillierende, wellenförmige Bahn der Sonne um die Michstraße, welche sie alle paar Millionen Jahre über die galaktische Scheibe anhebt und dann wieder eintauchen lässt, kann recht gut mit den langfristigen Klimaschwankungen der Erdgeschichte korreliert werden. „Die Erde ist eine Scheibe“, das ist bisher nur ein witziger Slogan zum Thema Globalisierung.  Aber der Spruch könnte noch an Bedeutung gewinnen, als Kennzeichen einer generell rückwärts gewandten Kulturentwicklung. Diese führt dann zur Erde als Scheibe mit einer Glaskuppel darüber, (ein Treibhaus eben). So eine geistige Käseglocke, unter der nur Mief entstehen kann, sollten wir verhindern oder schleunigst zerschlagen. Tun wir das nicht, tut es nämlich ganz bestimmt der nächste ankommende Asteroid, und dann bleibt kein Auge trocken.

Einen genialen Mitstreiter in diesem Kampf haben wir in diesen Tagen verloren.


Autor: Michael Boden

 

 

Informationen auf YouTube (Nachtrag: Gerd Rauenbusch):

 

Arthur C. Clarke: The Man Who Saw The Future

http://www.youtube.com/watch?v=KmX4cqIsyLk&feature=related

 BBC Horizon 1964: Arthur C. Clarke Imagines Life In The Year 2000

http://www.youtube.com/watch?v=q1teW1bmQUs&feature=related

http://www.youtube.com/watch?v=XosYXxwFPkg&feature=related

Carl Sagan, Stephen Hawking and Artur C. Clarke - God, The Universe and Everything Else

http://www.youtube.com/watch?v=HKQQAv5svkk&feature=related

 

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