Raumfahrtpionier Prof. Dr. Dr.-Ing. E.h. Ernst Stuhlinger

Am Sonntag den 25. Mai 2008 verstarb Dr. Ernst Stuhlinger, einer der bedeutendsten Raumfahrt-Pioniere, im Alter von 94 Jahren in Huntsville, Alabama, USA.

 

Dr. Stuhlinger war als Direktor des Space Sciences Laboratory am George C. Marshall Space Flight Center (MSFC) der zivilen Raumfahrtbehörde NASA in Huntsville maßgeblich an den Apollo-Mondflügen beteiligt.

 Ernst Stuhlinger war  trotz seines visionären und erfolgreichen Lebens für die Raumfahrt ein bescheidener zuvorkommender Mensch, wie ich selbst während eines kurzen Besuchs 1995 in Huntsville erleben durfte. Er prägte nicht nur den Fortschritt in der bemannten Raumfahrt, sondern trug wesentlich zum Fortschritt in der Erforschung des Weltraums bei.

 

Historie

Prof. Dr. Dr.-Ing. E.h. Ernst Stuhlinger wurde 1913 in Niederrimbach, Kreis Mergentheim, geboren. Sein Vater war dort als Dorflehrer tätig. Dort und in Tübingen besuchte er die Grundschule, in Tübingen seit 1923 die Oberrealschule, wo er 1932 die Reifeprüfung abgelegte.

 Von 1932 bis 1936 studierte Ernst Stuhlinger an den Universitäten Tübingen, München und Königsberg Physik, Mathematik und Zoologie. 1935 konnte er den ersten Proportionalzähler zur Erforschung der Elektronen- und Höhenstrahlpartikel zur Funktionsfähigkeit führen und promovierte 1936 am Physikalischen Institut der Universität Tübingen bei Professor Hans Geiger - dem Erfinder des Geiger-Zählers - mit dem Thema „Das Ionisierungsvermögen kosmischer Ultrastrahlen“.

Als wissenschaftlicher Mitarbeiter folgte Ernst Stuhlinger Professor Geiger im Herbst 1936 an das Physikalische Institut der Technischen Hochschule Berlin und arbeitete mit ihm  in der Höhenstrahlphysik. Über den „Uran-Verein", eine lose Gruppierung von etwa 18 Wissenschaftlern, war Ernst Stuhlinger in der deutschen Atomenergieforschung involviert und in Kontakt zu namhaften Wissenschaftlern, teilweise auch damaligen oder späteren Nobelpreisträgern, u.a. zu Max von Laue, Otto Hahn, Walter Bothe und Hans Jensen, Karl Friedrich von Weizsäcker, Walter Gerlach, Hans Geiger, Otto Haxel und Helmut Volz.

1941 zog die Wehrmacht Ernst Stuhlinger als Obergefreiter zur Wehrmacht ein und sandte ihn an die Front in Russland, ungeachtet seiner Mitgliedschaft im Atomenergieprogramm seit 1939.

Auf Veranlassung Wernher von Brauns erhielt er Anfang 1943 in der Ukraine die Abkommandierung zum Armeestandort Peenemünde, was situationsbedingt einen über 1000 km langen Fußmarsch bedeutete. Erst in Peenemünde erfuhr er vom ersten erfolgreichen Flug einer A4-Rakete im vorausgegangenen Herbst. Unter Wernher von Braun entwickelte Ernst Stuhlinger die noch heute gültigen Grundlagen der Steuer- und Kontrollsysteme von Raketen. Seitdem war Ernst Stuhlinger einer der führenden Köpfe in Wernher von Brauns Team, in Deutschland und später in den USA.

Zwischen beiden Persönlichkeiten bildete sich eine herzliche Freundschaft, die auch in den folgenden drei Jahrzehnten bis zu Wernher von Brauns Tod bestand und in gemeinsamen Freizeit-Unternehmungen gipfelte, so in einer Hundeschlittenfahrt durch die Antarktis. In seiner Freizeit war Ernst Stuhlinger meist aktiv und galt auch als erfahrener Bergsteiger. Er bestieg zweimal das 4477 m hohe Matterhorn.

Im Zuge der „Operation Paperclip“ (*) wurde Ernst Stuhlinger mit 126 weiteren Kollegen im Januar 1946 nach Fort Bliss in  Texas in den Vereinigten Staaten gebracht und setzte dort seine Entwicklungsarbeiten im Wernher von Braun – Team im Guided Missile Development Office der U.S. Army fort.

 

 

Dr. Stuhlinger mit Raumfahrt-Kollegen, 50-er Jahre.
Links sitzend Dr. Ernst Stuhlinger, dahinter stehend General Holger Toftoy.
Vorne Dr. Hermann Oberth, rechts Dr. Wernher von Braun

 

Im Sommer 1950 wurde die von Braun-Gruppe mit 870 Militär- und Zivilangestellten nach dem Redstone Arsenal der U.S. Army in Huntsville im Staat Alabama verlegt. Ernst Stuhlinger arbeitete dort von 1950 bis 1956 als Physiker in den Ordnance Missile Laboratories, wirkte an der Raketenentwicklung der Redstone-, Jupiter- und Pershing-Raketen mit und leitete von 1956 bis 1960 in der neugegründeten Army Ballistic Missile Agency (ABMA) am Redstone Arsenal die Entwicklung von Instrumenten für die Weltraumforschung, so auch die wissenschaftliche Konzipierung und Ausrüstung des ersten amerikanischen Erdsatelliten Explorer 1 (Start am 31. Januar 1958). Für diese Leistung erhielt Ernst Stuhlinger den Exceptional Civilian Service Award.

 

Teil des von Braun Teams 1958. Von links: Dr. Ernst Stuhlinger, Helmut Hölzer, Karl Heimburg, E.D. Geissler, E. W. Neubert,
Walter Häussermann, Wernher von Braun, W.A. Mrazek, Hans Hueter, Eberhard Rees, Kurt Debus, and Hans Maus.
Das Bild wurde vor dem Gebäude 4488 des Redstone Arsenals aufgenommen.

 

Von 1960 bis 1968 trug Ernst Stuhlinger als Direktor des Space Sciences Laboratory am George C. Marshall Space Flight Center (MSFC) der zivilen Raumfahrtbehörde NASA in Huntsville maßgeblich zu den Vorbereitung der bemannten Apollo-Mondflüge bei und war auch am ersten bemannten Rauflug Amerikas durch Alan Shepard am 5. Mai 1961 beteiligt.

 

Dezember 1957. Ernst Stuhlinger und Werher von Braun diskutieren in den Disney Studios ein nuklear-elektrisch angetriebenes Raumfahrzeug für den Flug zum Mars, das später in der "Tomorrowland" Serie zu sehen war.

Neben Vorbereitungen der bemannten Mondforschung trieb Ernst Stuhlinger auch die ersten Planungen für das Himmelslabor Skylab und Designstudien des zukünftigen Raumgleiters voran, das in den 70-ern verwirklicht wurde, leitete das Pegasus-Satellitenprogramm und die beginnende Planung des High Energy Astronomy Observatory-Satelliten und die Projektierung des Weltraumteleskops. Zu seiner bekanntesten Leistung zählen seine Beiträge im Wissenschaftsteam des MSFC, das die bisher größte Trägerrakete für den bemannten Raumflug, Saturn V, entwickelte.

 1968 wird Ernst Stuhlinger am MSFC zum Associate Center Director for Science der NASA ernannt, dem beratenden Forschungsdirektor. Im Frühjahr 1976 ging er in Pension, übernahm aber an der University of Alabama, Huntsville, noch eine Professur für Astrophysik sowie einen Beratungsauftrag zur Entwicklung eines elektrischen Antriebs für Automobile.

 Seit 1947 arbeitete Ernst Stuhlinger als Pionier elektrischer Antriebssysteme, insbesondere von Ionenantrieben. Seine erste Beschreibung eines arbeitsfähigen Triebwerks stammt von 1954. 1957 schlägt Ernst Stuhlinger sogar eine bemannte Mission zum Mars mittels elektrisch angetriebener Raumfahrzeuge vor. 1964 veröffentlichte er das Standardwerk "Ion Propulsion for Space Flight". Nach seiner Pensionierung befasste sich Ernst Stuhlinger weiterhin mit elektrischen Antrieben von Raumsonden, u.a. während mehrmonatiger Besuche an den Universitäten Heidelberg und München. Ernst Stuhlinger gehörte zahlreichen wissenschaftlichen Gesellschaften als Mitglied oder mit Funktionen an, so der Optical Society of America, der Deutschen Physikalischen Gesellschaft, der American Rocket Society, der British Interplanetary Society, der Von Braun Astronomical Society, dem American Institute of Aeronautics and Astronautics, der American Astronautical Society, der Internationalen Akademie der Astronautik und des Internationalen Förderkreises für Raumfahrt Hermann Oberth - Wernher von Braun (IFR). Er wurde u.a. zum Ehrenmitglied des Österreichischen Astronomischen Vereins, der Deutschen Röntgengesellschaft, der Deutschen Gesellschaft für Luft- und Raumfahrt - Lilienthal - Oberth (DGLR) und der Hermann Oberth-Gesellschaft (HOG) ernannt.

Ernst Stuhlingers Leistungen wurden weltweit durch eine große Zahl von Auszeichnungen und Ehrungen gewürdigt. Die Leistungen und Erfahrungen der Raumfahrer um Wernher von Braun und Ernst Stuhlinger sind in der Biographie "Wernher von Braun: Aufbruch in den Weltraum" festgehalten, die er zusammen mit Frederick I. Ordway schrieb.

Ernst Stuhlinger gestaltete Raumfahrt und setzte sich unermüdlich für deren Nutzen zum Wohle der Menschheit ein. Sein letzter Vortrag am 7. Dezember, „Explorer I and Apollo Science Activities”, fand während des Seminars  „Science Goes to the Moon and Planets" statt. Nachlassende Gesundheit verhinderte sein Erscheinen zum 50. Jahrestag Amerikas im Weltraum.

 

(*)

Deutsche Wissenschaftler der Operation ‚Paperclip‘:

Rudolph 'Rolf' Ammann, Wilhelm Angele, Rudi Beichel, Kurt Blome, Werner Dahm, Konrad Dannenberg, Kurt H. Debus, Casper van Diën, Friedrich Duerr, Ernst R. G. Eckert, Krafft Arnold Ehricke, Ernst Geissler, Dieter Grau, Walter Häussermann, Karl Heimburg, Otto Hirschler, Helmut Hoelzer, Hans Hüter, Wilhelm Jungert, Georg ("George") Emil Knausenberger,  Heinz-Hermann Koelle, Hermann H. Kurzweg, Alexander Lippisch, Hans Maus, Heinz Millinger, Fritz Müller, Willy Mrazek, Erich W. Neubert, Hans Joachim Pabst von Ohain, Theodor A. Poppel, Eberhard Rees, Gerhard Reisig, Georg Rickhey, Werner Rosinski, Ludwig Roth, Arthur Rudolph, Harry Ruppe, Friedrich von Saurma, August Schulze, Karl Eduard Schüssler, Walter Schwidetzky, Ernst Stuhlinger, Bernhard Tessmann, Adolf Thiel, Eric Traub, Wernher von Braun, Albert Zeiler, Theodor Karl Otto Vowe, Georg von Tiesenhausen, Hans Ziegler


Deutsche Wissenschaftler nach der Operation ‚Paperclip‘:

Walter Dornberger, Anselm Franz, Hermann Oberth, Jesco von Puttkamer, Hubertus Strughold, Guenter Wendt

 

Autor: Gerd Rauenbusch

 

 

Quellen:

http://en.wikipedia.org/wiki/Ernst_Stuhlinger

http://www.raketenspezialisten.de/index.html

Marsha Freeman, How We Got to the Moon. The Story of the German Space Pioneers., 21st Century Science Associates, Washington,, D.C., USA, 1993

Fredeick I Ordway III, Mitchell R. Sharpe, The Rocket Team, The MIT Press, Cambridge, Massachusetts, USA, 1982

Ernst Stuhlinger, Frederick I. Ordway III, Wernher von Braun. Crusader for Space., Krieger Publishing Company, Malabar, Florida, USA, 1994

 

 

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