Space Art - Eine Definition?

Eine allgemein anerkannte Definition von Space Art gibt es nicht. Die Begriffe "Space Art", "Weltraumkunst", "Kosmische Kunst", und "Astronomical Painting" stehen ohne klare Trennung nebeneinander. Ich möchte an dieser Stelle keine neuen Begriffe in die Kunstwissenschaft einfügen, lediglich die wichtigsten Stilrichtungen nebeneinander vorstellen. Bei längerer Beschäftigung mit diesem Thema erhält man rein quantitativ den Eindruck, dass im englisch-amerikanischen Sprachraum "Space Art" und im deutschen Sprachraum "Weltraumkunst" als Oberbegriff für Kunstwerke gelten kann, die sich im weitesten Sinne mit den Themen Kosmos und Raumfahrt auseinandersetzen.

Was aber bedeutet die Auseinandersetzung mit Kosmos und Raumfahrt? Muss kosmische Kunst Raumschiffe oder fremde Welten zeigen, um dieses Prädikat zu verdienen? Was ist mit van Goghs "Sternennacht"? Ist sie bereits "Space Art"? Warum ist Chesley Bonestell der "Grandfather of Space Art"?

Allgemeingültige, von der Kunstwissenschaft anerkannte Antworten auf diese Fragen gibt es noch nicht. Es stehen aber einige Eckdaten in der Geschichte der kosmischen Kunst fest: Nahezu alle Kulturen, von den Steinzeitmenschen bis zur amerikanischen Supermacht haben sich künstlerisch mit den Sternen über uns beschäftigt. Schon immer hat der Mensch seine Ängste und Sehnsüchte ins All projiziert. Details dazu finden Sie auf dieser Web Seite in dem Artikel über die Geschichte der kosmischen Kunst. Hier soll nur darauf hingewiesen werden, dass mit der Erfindung des Fernrohrs, ganz besonders mit der Entwicklung des Spiegelteleskops ein Quantensprung der Weltraumkunst stattfand. Diese Steigerung wurde nochmals überboten, nachdem die Menschen in den fünfziger- und sechziger Jahren des 20. Jhs. die Raumfahrt entwickelten. Was hat sich dadurch geändert?

Es gab zum ersten Mal einen Maßstab für kosmische Kunst; sie konnte an der Wirklichkeit gemessen werden. Reine Fantasien und Visionen konnten von Darstellungen unterschieden werden, die sich an astronomischen und technischen Realitäten unterschieden. Dadurch kam es zu einer Parallelentwicklung der Weltraumkunst. Diese zweigesichtige Entwicklung lässt sich am klarsten aufzeigen, durch die Gegenüberstellung amerikanischer "Astronomical Art" mit russischem "Soulful Painting". (Diese beiden Begriffe habe ich der sehr lesenswerten Darstellung "In the Stream of Stars" von Hartmann, Sokolov, Miller und Myagkov entnommen.)

Die Vertreter der "Astronomical Art" legen Wert darauf, in ihren Gemälden keine Widersprüche zum Stand der astronomischen Forschung darzustellen. Trotzdem haben sie noch genügend künstlerische Freiheit. Es würde beispielsweise dem Verständnis von "Astronomical Art" nicht widersprechen, ein fiktives Raumfahrtmuseum zu malen. Hier könnten in der Schwerelosigkeit ein Sputnik, gemeinsam mit einer Saturn V Rakete, einem Space Shuttle und der MIR ihre Bahnen durch einen Sonnenaufgang in 400 km Höhe über der Erde ziehen. Ein fliegendes Pferd hätte auf diesem Gemälde aber nichts zu suchen.
Das "Soulful Painting" der russischen Künstler setzt andere Schwerpunkte: Ihre Bilder verbinden abstrakte Elemente mit religiösen Vorstellungen der russischen Volksseele, selbst die Muster aserbaidschanischer Teppichknüpfer lassen sich in dieser Kunst wiederfinden. Im "Soulful Painting" wird der Spiritualität der Entdeckung des Weltalls mehr Raum gegeben, als in der eher technisch orientierten Malweise der Künstler, die der "Astronomical Art" zugeordnet werden.

Und genau diese Zuordnung macht jede Definition von Kunstrichtungen so schwierig, bis fast unmöglich. Gerade Künstler sind Menschen, die der Individualität gerne besonderen Stellenwert beimessen. So gibt es kaum Künstler, die sich exakt an stilistische Vorgaben halten. So finden sich Fantasy Elemente bei amerikanischen Künstlern vielleicht genau so oft, wie wissenschaftlich korrekt Elemente bei russischen Malern. Auf keinen Fall lassen sich die Malweisen ausnahmslos der Nationalität der Künstler zuordnen. Ich habe hier nur einen kleinsten gemeinsamen Nenner wiedergegeben, auf den sich namhafte Vertreter der "International Association for the Astronomical Art" und der "U.S.S.R. Union of Artist" während gemeinsamer Space Art Workshops geeinigt haben.

Es gibt also noch keine endgültigen Kriterien für die Systematisierung kosmischer Kunst. Trotzdem ist heute schon klar, dass es große Unterschiede zwischen einer Perry Rhodan Titelillustration und den Gemälden von Raumfahrern gibt. Es haben bereits mehrere aktive Astro- und Kosmonauten zum Pinsel gegriffen und ihre Erfahrungen des Weltalls künstlerisch verarbeitet. Wir stehen also gleichzeitig in der Tradition eine bereits Jahrtausende dauernden Beschäftigung von Künstlern mit dem Weltraum und am Anfang eines völlig neuen Zweiges der Kunstwissenschaft.

 

Autor: Clemens Köhne

 

 

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