1. Die Rahmenbedingungen

Der Merkur ist ebenfalls kein klassischer Terraformingkandidat. Bei ihm sind die Grundvoraussetzungen für ein totales Planetenterraforming noch weniger gegeben als beim Mond. Dennoch ist dieser Planet nicht gänzlich uninteressant für eine Besiedlung.

  1. Oberflächengravitation: 0.38 g, vergleichbar dem Mars
  2. Die Solareinstrahlung schwankt zwischen dem 5-fachen und dem 10-fachen der Einstrahlung auf der Erdbahn. Im Jahresdurchschnitt ist sie 6.7 mal so intensiv.
  3. Die Atmosphäre entspricht, wie beim Mond, eher einem Hochvakuum. Sie besteht fast ausschließlich aus (ausgegastem) Helium.
  4. Wasser gibt es im Prinzip nicht. Aber in den, im ewigen Schatten liegenden, Polarkratern wurden 1991 mit einem Radioteleskop Eisflächen entdeckt. Das ist sensationell, reicht aber nicht für ein totales Terraforming.
  5. Die Temperaturen schwanken zwischen minus 180 Grad C und plus 430 Grad C.
  6. Die Tageslänge beträgt 176 Erdtage, ist also genau dreimal so lang wie ein Merkurjahr (58.6 Erdtage). Die Rotationsachse steht fast senkrecht zur Ekliptik.
  7. Ein Magnetfeld existiert, ist aber recht schwach. Die Feldstärke beträgt ein hundertstel des irdischen Magnetfeldes.
  8. Die Morphologie ist als ungünstig einzustufen. Es gibt keine Mare. Die Oberfläche ist extrem gekratert, teilweise bis zur Sättigung. Eine künstliche Hydrosphäre bestünde aus vielen halbisolierten Einheiten. Andererseits gäbe es auch keine riesige Gezeitenwelle.
  9. Plattentektonik gibt es nicht, der Merkur ist ein Einplattenplanet.
  10. Die Bahngeschwindigkeit um die Sonne liegt im Durchschnitt bei 48 km/sec. Das ist ungünstig, da sich die Erde nur mit 29 km/sec um die Sonne bewegt und somit ein hoher Energiebedarf beim Transfer erforderlich wird.

2.  Probleme beim totalen Merkur-Terraforming

Der Merkur ist für eine planetenweite Umwandlung in einen erdähnlichen Planet mindestens so ungeeignet wie der Mond. Deshalb werden hier nur kurz die wichtigsten Dollpunkte aufgeführt.

  1. Eine Merkuratmosphäre von 1 bar Druck müßte eine Masse von 40 % der Erdatmosphäre besitzen. Das sind zwei Biliarden Tonnen, ungefähr wie beim Mond.
  2. Davon sind mindestens 99 % aus dem Kometengürtel oder von Saturnmonden zu importieren. An den Merkurpolen liegt mit Sicherheit nicht genügend Eis. Der Import bereitet dieselben Probleme wie beim Mond, und noch einige mehr, denn der Energieaufwand beim Ansteuern des Merkur ist bedeutend größer.
  3. Die Sonneneinstrahlung ist so groß, daß 143 000 Terrawatt von dem Planeten abgeschirmt werden müssen und zwar dauerhaft. Ein riesiger Parasol (wie bei der Venus) wäre bei L 1 (System Merkur-Sonne) zu installieren. Seine Handhabung wäre extrem schwierig, wegen der hohen Exzentrizität der Merkurbahn.
    Als Lohn winkt allerdings die Möglichkeit, diese 143 000 Terrawatt (das 70 000 fache der weltweit installierten Kraftwerksleistung) in Mikrowellen zu transformieren und in den erdnahen Raum oder sonst wohin zu exportieren.
    Bei einem Preis von 0.1 cent pro kwh ergäbe das immerhin 600 Billionen Euro im Jahr. Die Frage stellt sich natürlich "so viel Strom braucht doch auch in 200 Jahren keiner?"
  4. Nun, bei so einem niedrigen Preis wächst die Nachfrage schon ziemlich.
    Wieviel Autos gäbe es wohl in Deutschland, wenn jedes eine Million Euro kosten würden?
  5. Die lange Tagesdauer ist ein weiteres Problem. Der Merkur müßte aufwendig mit Hilfe des bereits beschriebenen, hyperkomplizierten Dyson-Motors beschleunigt werden. Die Gezeitenbremse würde 100 Millionen Jahre brauchen, um den Merkurtag wieder von 176 Erdtagen auf einen Erdtag auf zu bringen.
  6. Die Schwerkraft kann weder praktisch noch theoretisch erhöht werden. Man muß einfach mit den 0.38 g leben. Krank wird man davon nicht, aber eine Rückwanderung zur Erde wird unwahrscheinlich, siehe Mars.

3. Partielles Terraforming - die Polkolonien

Eigentlich kann man die Idee eines totalen Terraforming des Merkur beerdigen. Es bleiben da aber noch die interessanten Polkappen dieses Planeten.

Da die Merkurachse prakisch senkrecht zur Ekliptik steht, bekommen die polaren Gebiete immer eine sehr flache Sonneneinstrahlung und weisen außerdem noch dauerhaft verschattete Kraterebenen auf, in denen 1991 das bereits erwähnte Wassereis entdeckt worden ist. Dieses stammt mit Sicherheit von Kometeneinschlägen, deren eisige Hinterlassenschaften, bei minus 180 Grad, auch in langen Zeiträumen und auch im Vakuum nicht sublimieren. Nun könnte man in den Gebieten zwischen dem 80. Breitengrad und dem jeweiligen Pol große Wohnhabitate errichten, ähnlich dem Welthaus auf dem Mars, aber bei weitem nicht so hoch und auch nicht so ausgedehnt.

Südpolregion des Merkur

Auf dem 80. Breitengrad steht die Sonne Mittags 10 Grad über dem Horizont, etwa so hoch wie zu Weihnachten in Oslo. Das erscheint recht wenig, aber der Sinus von 10 Grad beträgt immerhin 0.17. Das bedeutet 17 % von 10 Kilowatt, also 1700 Watt strahlen (im Jahresdurchschnitt) pro Quadratmeter auf eine ebene Fläche ein. In der Atacamawüste sind es Mittags maximal 1100 Watt pro Quadratmeter. Das ist also noch ziemlich viel, aber mit jedem Breitengrad näher zum Pol mildert sich die Strahlung deutlich. Auf dem 82. Breitengrad ist es schon fast erträglich, auf dem 85. ganz gemütlich, und direkt am Pol ist es recht kalt.

Diese Einstrahlungsrate gilt natürlich nur für den flachen Erdboden. Jeder aufrecht stehende Gegenstand (Merkurbewohner, oder Südwand eines Hauses, oder Pfeiler einer Glashauskonstruktion, oder ein Parabolspiegel) bekommt die volle Wucht der Strahlung, also 10 Kilowatt pro Quadratmeter ab. Zeitweise sind es sogar 14 Kilowatt. Ein dermaßen bestrahlter Gegenstand erwärmt sich, nach geraumer Zeit, auf mehr als 400 Grad.

Aber wenn sich die Wohnhabitate quasi in flache Mulden oder flache Krater hineinducken, können sie sich der flach einfallenden Strahlung teilweise entziehen. Sie ruhen dann auf einem relativ kühlen Merkurboden, der nicht direkt von der Sonne bestrahlt wird. Die Einstrahlung des Sonnenlichtes in die bewohnten Räume erfolgt indirekt über Anordnungen von Spiegeln. Die Intensität und die Zeitdauer der Strahlung kann beliebig gewählt werden.
Vorzugsweise würde man den 12- Stunden Tag-Nachtrhythmus wählen, mit durchschnittlich 300 Watt pro Quadratmeter Grundfläche. Zusätzlich ist ein System von steuerbaren Blenden an den Glaskuppeln denkbar, welches das Sonnenlicht ganz oder teilweise abschirmen kann.

Die Polkalotten innerhalb des 80. Breitengrades sind, auf dem Merkur, jeweils 750 000 Quadratkilometer groß. Also deutlich größer als Frankreich. Ein großer Teil davon ist zerkratert, aber dies ist ja eben ein Vorteil. Es sei denn, es handelt sich um sehr tiefe und außerdem noch kleine Krater. Vorteilhafter sind große flache Senken. Wenn von den Polgebieten z.B. 5 % mit Kuppeln überbaut werden, wären dies insgesamt 75 000 Quadratkilometer und man könnte mühelos 50 Millionen Menschen unterbringen. Jedenfalls wenn eine intensive Hochertragslandwirtschaft betrieben würde.

Wovon sollten die Merkurianer nun leben? Warum sollten Sie überhaupt auf diesen Planeten auswandern, mit seiner geringen Schwerkraft und der starken kosmischen Strahlung?
Das ist hier nicht befriedigend zu beantworten.

Fest steht nur, daß ein gewisser ökonomischer Vorteil darin besteht, die ungeheuer intensive Sonnenstrahlung in der Merkurumgebung mit gigantischen Spiegeln einzufangen, in Mikrowellen oder Laserlicht transformieren und in das mittlere und äußere Sonnensystem, vor allem zur Erde, zu exportieren. Der Preis pro Kilowattstunde muß dann aber wirklich niedrig sein, denn an Energiemangel wird die Raumbesiedelnde Menschheit schließlich nicht leiden. Vielleicht lohnt es sich ja auch, Metalle und andere Rohstoffe vom Merkur zu exportieren, mit Beschleunigern, die im Vakuum ja bestens funktionieren.

Die beiden Polkolonien wollen sicherlich nicht nur kommunizieren, sondern auch Besucher und Produkte austauschen. Fliegen kann man im Vakuum nicht, also müßten stets ballistische Flüge erfolgen, (das ist ziemlich unwirtschaftlich). So kam mir die Idee einer Hochgeschwindigkeitsbahn, nach dem Prinzip des Transrapid, welche zwischen "Nordpolen" und "Südpolen" pendelt.



Theoretisch ließen sich Geschwindigkeiten von einigen tausend km/h erreichen, zumal dann, wenn keine Haltepunkte existieren. In der Praxis wird der Zug aber mit vielleicht 300 bis 500 km/h schleichen müssen, denn Durchtunnelungen von Kratern sind zu aufwendig. Also würde die Trasse sich in tausend Windungen durch die Kraterlandschaft schlängeln, mit entsprechenden Kurvenbe-schleunigungen. Die Streckenlänge beträgt dann (von 80 Grad Nord bis 80 Grad Süd) ca. 7000 km plus x.!

Es wird also eine lange Fahrt , so etwa wie Moskau - Paris. Die Wagen müßten mit hochreflektierendem Material beschichtet sein und die Fenster dunkel sein wie die Schutzbrillen von Schweißern. Vermutlich müßten auch die Schienen vor der Sonnenstrahlung geschützt werden, da sie sich sonst verformen.

Hier endet die Terraforming-Serie erstmal, obwohl es durchaus Vorschläge gibt für den Ganymed, für Europa, Titan und sogar den Io!


Zum Schluß noch ein Fazit:

Terraforming ist eine tolle Idee, aber nicht unbedingt eine tolle Sache. Die intellektuelle Beschäftigung mit diesem komplexen Thema ist jedoch immer lohnend. Man bekommt ein gutes Gespür für die Vernetzung von Physik, Chemie, Meteorologie, Ökologie, Geologie, Raumfahrttechnologie und nicht zuletzt Ökonomie. Und man lernt unendlich viel über die Erde.

Auch darüber, wie schwer das ist, einen Planeten aus seinem Gleichgewicht zu kippen.
Von wegen: "ein bißchen mehr Autofahren und Heizen - schon verwandelt sich die Erde in eine Art "zweite Venus". Aber praktisch durchführen sollte man ein Terraforming eher nicht, sogar auf dem Mars nicht, wo es doch noch relativ einfach ist. In letzter Zeit häufen sich wieder Indizien, die für eine Herkunft des irdischen Lebens aus dem All sprechen (die alte Panspermie-Theorie von 1900, die nur wohl scheintot war). Vielleicht sind Planeten nur Brutkästen, in denen primitive Keime zu hochorganisierten Lebensformen heranreifen, ehe sie nach Milliarden Jahren mit Raumschiffen wieder aufbrechen in die alte Heimat, den unendlichen Raum.

"Die Erde ist die Wiege des Menschen. Aber ein Mensch kann nicht sein ganzes Leben in der Wiege verbringen"

sagte Konstantin Ziolkowski.


Warum sollten wir, wenn wir schon diese prächtige und bequeme Wiege verlassen, sogleich eine neue zimmern, die doch nur enger, ungesünder und unbequemer ist? Das ist planetares Denken, es wird irgendwann dem echten Raumdenken weichen müssen, wenn unsere Nachfahren sich selbst ihre Stadtstaaten und kleinen Welten im Raum bauen.

 


Autor: Michael Boden

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