1. Ein Mars-Kalender, braucht man sowas eigentlich?

Gesetzt den Fall, es wird in diesem Jahrhundert nicht nur ein einmaliger Marsflug unternommen, sondern es werden dauerhafte Stützpunkte errichtet, eventuell richtige kleine Marskolonien, dann könnten die Marsianer mit unserem Kalender schon ein bißchen ins Trudeln kommen. Denn die pauschale Übertragung des Erdkalenders bringt genauso große Probleme mit sich wie z.B. eine stupide Übertragung der Erdzeit (etwa Eastern Time oder MEZ) auf den Mars. Der Marstag ist zwar ungefähr so lang wie ein Erdtag, nämlich ca. 24 Std 40 Min, aber eben nur ungefähr. Der Umrechnungsfaktor beträgt: 1.0275.

Nach kürzester Zeit bauen sich dramatische Abweichungen von bestimmten irdischen Zeitstandards auf, und die Angabe: es ist  jetzt 11 Uhr, würde vollkommen sinnlos. Viel schlimmer steht es mit dem Marsjahr aus. Es dauert 669 Marstage, also 687 Erdtage.

Die Marsbahn ist viel elliptischer als die Erdbahn, was zu großen Schwierigkeiten bei der Festlegung der vier Jahreszeiten führt. Wie jeder weiß, ändert sich auf einer stark elliptischen Bahn die Geschwindigkeit eines Körpers beträchtlich, je nachdem, auf welchem Bahnabschnitt er sich befindet.

Was will man unter solchen Bedingungen z.B. mit dem Datum 4. März 2005 anfangen? Dieses ist völlig sinnlos (außer daß ich da Geburtstag habe). Der 4. März kann mitunter mitten im nördlichen Marshochsommer liegen, oder im Herbst. Und was heißt schließlich März? Ein Monat mit 31 Tagen? Weshalb eigentlich, ein Zwölftel von 669 ist doch nicht 31 und außerdem müßte sich die Länge des März im Laufe der Marsjahre ständig ändern, je nachdem wo sich der Mars gerade befindet. Man sieht, es kommt nur Unsinn dabei heraus. Der prinzipielle Denkfehler liegt im geozentrischen Weltbild, welches wir angeblich seit Kopernikus Zeiten überwunden haben sollen (stimmt aber gar nicht).


Die Marskolonisten brauchen einen heliozentrischen Kalender

Es ist ganz unwichtig, durch welches Tierkreiszeichen die Sonne (von der Erde aus gesehen) im März zieht. Entscheidend ist, durch welches Tierkreiszeichen sich der Mars, oder irgendein anderer Planet, (von der Sonne aus gesehen) in einem bestimmten Zeitabschnitt bewegt. Wenn man grundsätzlich von der Sonne aus den Raum betrachtet, sieht man die Planeten mit ihren unterschiedlichen und ungleichmäßigen Geschwindigkeiten vor den diversen Sternbildern vorbeiziehen und kann beliebig viele brauchbare Kalender erstellen. (Die Erde würde im März ungefähr im Zeichen der Jungfrau stehen, nicht in dem der Fische). Aber unser Kalender kann und muß natürlich so bleiben wie er ist.

Robert Zubrin, ein US-Amerikanischer Raumfahrtingenieur und Autor, sowie ein großer Marsspezialist und Schöpfer des Mars-Direkt- Planes, hat 1993 einen solchen Marskalender entwickelt. Er wird hier im Folgenden vorgestellt.

Zubrin hat zunächst dem Marstag die kurze Bezeichnung Sol gegeben. Das ist praktisch und vermeidet Verwechslungen mit Erdtagen, aber diese Bezeichnung ist natürlich Geschmackssache und man könnte sich auch was anderes ausdenken. Ein Marsjahr besteht also aus 669 Sol. Es ist in zwölf Monate aufgeteilt, die aber unterschiedlich lang sind. Die Namen der Marsmonate sind nach den Tierkreiszeichen gewählt, die der Planet, von der Sonne aus gesehen, durchzieht. Der lateinische Name ist allgemeinverständlich und empfiehlt sich zur allgemeinen Verwendung. Unter Planetenwissenschaftlern wird der Jahresbeginn üblicherweise auf die Frühlings-Tagundnachtgleiche (21. März) gelegt. Deshalb läßt Zubrin das Marsjahr mit den Zwillingen beginnen und mit Stier enden.



Wie rechnet man nun ein bestimmtes Datum aus dem Erdkalender auf den Mars um?
Dafür hat Zubrin einen Areogator erfunden (von Ares = Mars). Dieser Areogator dient aber auch der Ermittlung der relativen Positionen und Winkel von Erde und Mars in Bezug auf die Sonne. Er ist am Ende dieses Artikels zu finden. Für die Benutzung (der Papierversion] benötigt man zwei kleine Münzen: eine Centmünze für den Mars und eine Fünfcentmünze für die Erde.


Ein Rechenbeispiel

Man legt den den Cent auf die Raute 97 der Marsbahn und den Fünfer auf die Januarraute der Erdbahn. Die Position der Münzen entspricht nun der Position der Planeten um den 1. Januar 1997. Auf dem Mars war es damals Anfang Leo, auf seiner Nordhalbkugel somit Spätfrühjahr. Schiebt man nun die Münzen jeweils vier Rauten weiter, so erreicht die Erde den 1. Juli und der Mars steht auf Anfang Skorpius (Hochsommer auf der Nordhalbkugel). Die Erde hat den Mars in dieser Zeit, relativ zur Sonne, überholt, natürlich, denn sie kreist ja auf einer inneren Bahn, ist also schneller.

Schiebt man drei weitere Rauten vorwärts, landet der Mars im Monat Capricorn und die Erde im November. Die Herbststürme beginnen nun auf der Nordhemisphäre des Mars. Der Areogator enthält alle Jahre zwischen 1993 und 2007. Wenn man andere Jahre benötigt sind jeweils 15 Jahre bzw. ein vielfaches davon abzuziehen oder hinzuzuzählen. 1975 entspricht also 1990, dieses Jahr entspricht 2005, dieses wieder 2020 usw., denn alle 15 Jahre wiederholt sich das Erde-Mars-Verhältnis in einem synodischen Verhältnis.

Wenn man wissen will, in welchem Sternbild der Mars, von der Erde aus gesehen, zu einem bestimmten Zeitpunkt steht, zieht man eine Verbindungslinie von der Erdposition zur Marsposition und führt dann eine Parallelverschiebung durch, so daß die verschobene Linie durch die Sonne führt. Wenn der Mars z.B. Mitte 2002 von der Sonne aus im Aries stünde (Widder), würde man ihn Ende Juli von der Erde aus im Taurus sehen. Die Abstände der einzelnen Marsrauten variieren auffallend, aber dies ist gut zu verstehen, wenn man das Geschwindigkeitsprofil auf einer stark elliptischen Bahn berücksichtigt.

Wie sieht es nun mit dem absoluten Jahr des Marskalenders aus? Die christliche Zeitrechnung ist hierbei genauso wenig hilfreich wie z.B. eine Zählung ab urbe condita (7, 5, 3 - Rom kroch aus dem Ei).

 

 

2. Zubrins Überlegungen

Zubrin überlegte sich Folgendes: wann fällt der 1.Gemini, also der Beginn des Marsjahres, zufällig auf den 1. Januar? Das wäre 1946, 1961, 1976, 1991, und 2006 der Fall, also alle 15 Jahre. 1976 sind die Viking-Sonden gelandet, ich hätte deshalb dieses Jahr als Jahr 1 genommen. Aber Zubrin entschied sich für 1961, weil es das letzte der oben genannten Jahre ist, bevor die ersten Raumsonden den Mars erreichten und damit ein neues Zeitalter für diesen Planeten einläuteten (Mariner 4 am 15.Juli 1965).

Die Gleichung lautet:

Marsjahr = (8/15) x (Erdjahr - 1961) + 1

Der Jahresanfang 2002 liegt damit im Jahr 22 der Mars-Zeitrechnung, oder XXII, wie Zubrin zur besseren Unterscheidung schreibt. Die Verwendung römischer Zahlen wird allerdings, nach meiner Meinung, spätestens nach einigen Jahrhunderten ziemlich unpraktisch.

Wenn man ein bestimmtes Datum umrechnnen möchte, ist es unerlässlich, das Erddatum in Dezimalform anzugeben. Der 1. Juli 2002 heißt dann 2002,50  weil genau 50% des Jahres um sind.

In die obige Formel eingesetzt, ergibt sich das Marsdatum 23,13. Also sind 13 % des Jahres 23 schon verstrichen. Nun wird die Zahl der Marstage, also 669 mit 0.13 multipliziert und es ergibt sich der 87. Sol des Mars-Jahres. Ein Blick in die Tabelle zeigt, es handelt sich um einen Tag im cancer (Krebs) und zwar um den 26. Cancer des Jahres 23.

Jeder der jünger als 42 Jahre ist, kann nun zum Spaß seinen Geburtstag auf ein Marsdatum umrechnen. Da ich leider älter bin, nehme ich lieber den 20. Juli 1969, ein Datum, welches jedem etwas sagen sollte.

Ganz einfach:

8 / 15 x (1969,55 - 1961) + 1

ergibt 5.56.

669 x 0.56 = 375

Das ist also der 375. Sol des Jahres V. Der 375. Tag,  das ist der 4. Sagittarius, (d.h. Schütze).

 


Areogator von Robert Zubrin veröffentlicht in: Ad Astra THE MAGAZINE OF THE NATIONAL SPACE SOCIETY
November / December 1993


Jeder Raumfahrtenthusiast und besonders jeder Mars-Fan sollte sein Bestes dafür tun, daß dieser Mars-Kalender nicht erst im Jahre L (50) gebraucht wird, das wäre nämlich 2053. Denn Zubrin ging in seinem Mars-Direkt-Plan von einer ersten bemannten Landung bereits am 15. Leo XXVI aus! Übrigens, Vorschläge, wie der Marstag mit seinen 24 Std und 40 Minuten Dauer mit unseren Uhren zu vereinbaren ist, werden dankend entgegengenommen.

 

Autor: M. Boden

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