1. Einleitung

Wer die Raumfahrt nicht auf Raumsonden begrenzen will, sondern die Anwesenheit des Menschen im All befürwortet, muß sich auch über deren Ernährung Gedanken machen. Dies gilt vor allem für den Fall, daß einmal sehr viele Erdbewohner gleichzeitig dort oben tätig sind, Dutzende, Hunderte, irgendwann auch Tausende oder noch mehr. Jeder von ihnen benötigt ca. 4 kg pro Tag an Nahrungsmitteln und Trinkwasser, also 1.5 Tonnen im Jahr.

 

Geschlossenes Ökosystem eines Weltraumhabitates, nach einer NASA-Studie (1972).

 

Dargestellt ist der Stoffkreislauf in Gramm pro Mensch und Tag. Aus Gründen der Übersichtlichkeit sind einige Verdunstungsmengen aus Tier- u. Pflanzenfutter nicht aufgeführt. Im Prinzip stimmt die Mengenbilanz auf das Gramm genau. Die 400 g Trinkwasser für Menschen scheinen mir dagegen zu gering angesetzt.  Wenn aber alle Lebensmittel und alles Trinkwasser von der Erde herangeschafft werden müssen, ergibt sich ein immenses logistisches Problem, welches Kosten von 15 Mill. bis 100 Mill Dollar pro Mann und Jahr erzeugt, je nachdem in welchen Teil des Sonnensystems der Proviant geliefert bzw. als Vorrat mitgenommen werden muß. Wie soll man bei solchen Kosten 1000 "Raumkolonisten" ernähren?Auch wenn intelligentere Transportsysteme erfunden werden, als die Gegenwärtigen, (Ideen dafür gibt’s genug), ist gegenüber den o.g. Kosten doch nur mit 90 % bis 95 % Ersparnis zu rechnen. Daraus ließe sich messerscharf schließen: große Siedlungen im Raum (auf dem Mond, dem Mars, im LEO, GEO, bei L4 oder L5, im Asteroidengürtel etc.) können nie gebaut werden, sie scheitern schon am Nahrungsmittelproblem. Falsch!Es mag einige Gründe geben, die solche Menschenansammlungen im All erschweren, aber die Ernährung gehört nicht dazu. Lebensmittel können in Weltraumfarmen erzeugt werden. Darunter hat man sich aber nicht Größenordnungen wie in Kansas vorzustellen, sondern eher Flächen von einigen Quadratmetern bis vielleicht ein oder zwei Hektar. Genau genommen handelt es sich natürlich um hermetisch abgeschlossene Gewächshäuser.

 

Darstellung eines ringförmigen Raumfarm-Komplexes. O'Neill, "The High Frontier"

 

 

2. Speiseplan

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Er kann es zwar, findet es aber besser, wenn Butter und Schinken, vielleicht noch ein Spiegelei hinzu kommen und nennt das dann "strammen Max". Wichtig ist, der Speiseplan muß reichhaltig sein, je vielseitiger, desto gesünder. Die Astronauten und Raumbewohner künftiger Epochen werden es ähnlich halten. Eine Ernährung ausschließlich mit Reis, selbst in ausreichenden Mengen, hat früher Millionen von Chinesen langsam umgebracht, nämlich dann, wenn sonst gar nichts weiter dazu kam.(Falls es sich nicht schon herumgesprochen hat, das berüchtigte Essen aus der Tube ist Schnee von Gestern. Die Woschod- Gemini- und Apollo-Besatzungen mußten solchen Fraß noch hinunterwürgen. Seit langer Zeit entspricht die Astronautennahrung aber dem Standard der Passagierverpflegung der Fluglinien- hoffentlich nicht dem der Lufthansa).Nun wird man sagen, Gemüse in kleinen Gewächshäusern anzubauen, das mag ja noch funktionieren, aber das Getreide für’s Brot? Ganz zu schweigen von den Hühnern, den Schweinen und den Milchkühen, die man eben braucht, wenn man "strammen Max" essen will. Auf den ersten Blick ist die Flächenbilanz tatsächlich niederschmetternd. Für jährlich tausend Portionen "1 Butterbrot mit Schinken und 1 Spiegelei" werden auf der Erde an Fläche benötigt:

ca. 200 qm für Brotgetreideca. 300 qm für Futtermittel (Schweine)ca. 150 qm für Futtermittel (3-4 Hühner)ca. 50 qm für Gras u. Getreide (Milchkühe)Summe: ca. 700 qm

Das ist ziemlich viel für 3 Personen, die dann ja nur eine knappe Mahlzeit pro Tag bekommen, noch dazu immer dieselbe. Fast 250 qm müßten für jeden Astronauten bereitgehalten werden, nur um ihm eine noch nicht mal satt machende Mahlzeit am Tag zu ermöglichen. Aber selbst wenn die Astronauten sich auf den ausschließlichen Verzehr von Kartoffeln oder Reis verlegen würden, wäre der Flächenbedarf für eine Raumstation mit 50 Personen noch ziemlich groß, nämlich 1-3 ha.

Somit scheint der Speiseplan für Raumbewohner für alle Zeiten festzustehen: auschließlich Gemüse, Kartoffeln, Reis, und Brot u.ä. Und auch das nur mit ungeheurem konstruktivem Aufwand, man denke an die Probleme, die entstehen, wenn man an eine mittelgroße Raumstation ein z.B. drei Hektar großes Gewächshaus anbauen und betreiben muß.Aber so schlecht sieht es nun doch nicht aus.Unser westeuropäischer und nordamerikanischer Ackerbau gilt allgemein als Hochertragslandwirtschaft. Aber wirklich extrem hohe Erträge werden in modernen Gewächshäusern erzielt, auch in manchen israelischen Farmen, in Versuchsfarmen von Forschungseinrichtungen und (wenn man deren geringen Kapitaleinsatz berücksichtigt) auch in chinesischen Kleinstfarmen in Singapur.

 

 

3. Wieviel Erde braucht der Mensch?

So lautet der Titel einer spannenden Kurzgeschichte von Leo Tolstoi, in welcher dieser zu dem betrüblichen Schluß gelangt, daß der Mensch eigentlich nur 2 Quadratmeter Land für sich braucht, nämlich für sein Grab. Dieser defätistischen Ansicht will ich mich hier nicht anschließen, doch auch die Fläche, die ein Mensch für seine Ernährung braucht, kann wirklich erstaunlich gering sein.In den USA und Westeuropa werden heute ca. 7 Tonnen Getreide pro ha erzeugt, im fruchtbaren Iowa, oder in den Kögen an der Schleswig-Holsteinischen Westküste sind es oft 9 bis 10 Tonnen pro ha. Dieses an sich beeindruckende Ergebnis würde im Weltraum jedoch in keiner Weise genügen, denn 1000 Menschen brauchen schließlich 250 bis 500 Tonnen Getreide pro Jahr,das wären dann 25 – 50 ha Anbaufläche.Das Reisforschungsinstitut der Phillipinen hat jedoch vor Jahren schon 40 Tonnen Reis pro Hektar und Jahr erzeugt, natürlich unter Laborbedingungen. Das weltberühmte Institut liegt erstaunlicherweise in einer Provinz, in der auf den meisten Bauernhöfen immer noch nur 2.0 bis 2.5 Tonnen Reis pro Jahr geerntet werden. Aber auch diese unglaublichen Rekordernte von 40 Tonnen würde im Raum noch nicht genügen.Kann man solch hohe Erträge denn noch weiter steigern? Die Antwwort lautet:  Ja, und zwar bedeutend. Zum geringsten kann man es durch gesteigerte Düngung erreichen. Viel wichtiger sind die Züchtung neuer Sorten, veränderte Anbaumethoden (z.B. multiple cropping, interplanting), ein optimaler CO2-Gehalt der Luft, ein optimales Wasser- Licht- u. Wärmeangebot, vielleicht auch eine veringerte Schwerkraft.Multiple Cropping bedeutet Mischpflanzenanbau, d.h. zeitlich gestaffelten Anbau von Pflanzen, die sich gegenseitig chemisch und biologisch unterstützen. Als besonders ertragreich hat sich folgende Reihenfolge erwiesen: Reis - Süßkartoffeln - Sojabohnen - Mais - SojabohnenDabei können 5 Tonnen Reis, 22 Tonnen Süßkartoffeln, 10 Tonnen Sojabohnenn und 22 Tonnen Futtermittel (aus Stengeln und Blättern) für das Vieh erzeugt werden. Das reicht für einen Hektarertrag, der 70 Menschen ernähren kann. Eine Kolonie von 10.000 Personen benötigt damit nur noch 140 ha Anbaufläche.Interplanting heißt das Verfahren, die Samen der nächsten Ernte noch vor dem Einbringen der Pflanzen auszusäen, (nämlich in die Zwischenräume). Anfangs wachsen die Schößlinge noch recht langsam und kommen mit dem wenigen Platz aus. Wenn sie dann größer werden, ist inzwischen schon die Ernte der vorigen Aussaat erfolgt, es wurde dadurch Platz geschaffen. Nun können sie loslegen mit dem Wachstum, aber es ist wertvolle Zeit gewonnen worden. Vier bis sechs Ernten pro Jahr zu erzielen, davon träumt doch jeder Farmer. Interplanting ist eines der Verfahren, die so etwas ermöglichen.CO2-Gehalt: von Kohlendioxid, Wasser, Licht und Spurenelementen leben alle Pflanzen. Die klassische Formel der Photosynthese lautet:

6 CO2 + 6 H2O + Licht = C6 H12 O6 + 6 O2

Je mehr CO2 in der Luft, desto besser? Im Prinzip schon, aber es gibt ein Optimum und das liegt vermutlich bei 0.13 % also dem vierfachen des CO2-Gehaltes der irdischen Atmosphäre. Ab 5 % Gehalt wird es für die meisten Pflanzen allmählich toxisch.Auch in modernen Gewächshäusern wird mit erhöhtem CO2-Gehalt gearbeitet, wobei man allerdings darauf achtet, daß dieses Gas den Pflanzen über Schläuche von unten zugeführt und beim Aufsteigen von den Blättern zum großen Teil "eingeatmet" wird. Die Pflücker würden sonst nach kurzer Zeit todmüde umfallen. Auf einer Weltraumfarm würde man in jedem Fall mit erhöhtem Kohlendioxidgehalt arbeiten, vielleicht sogar ohne die vielen Schläuche, denn die Astro-Farmer können ja auch mit Atemmasken ausgerüstet werden.Wasser, Licht und WärmeWie in jedem modernen Gewächshaus, können die drei Komponenten natürlich auch in einer Weltraumfarm problemlos optimiert werden. Mit nachjustierbaren Spiegeln kann 24 Stunden am Tag das Sonnenlicht in der gewünschten Intensität eingestrahlt werden. Ich habe selbst früher geglaubt, daß Pflanzen eine Dunkelheitsphase benötigen, quasi zum Ausruhen. Aber das stimmt nur bedingt.An der State University von Arizona wurden schon vor Jahren (in einem erdelosen Spezialgarten mit Dauerbeleuchtung) sensationelle 5000 Tonnen Futtermittel pro Hektar und Jahr erzeugt! Beregnung, bzw. Wasserzufuhr über poröse Schläuche in der Wurzelzone, ist auf der Raumfarm sowieso kein Problem. Und die Wärme ergibt sich aus der Einstrahlungsintensität und kann beliebig gewählt werden, zB. für Reis optimale 28 Grad C, für Kartoffeln 20 - 22 Grad C.Schwerkraft

Hier haben die Weltraumfarmer natürlich einen klaren Vorteil gegenüber irdischen Treibhäusern. Sie können die Gravitation (durch Rotation) auf beliebige, optimale Werte einstellen. Auf diese Weise können Pflanzen mit einem günstigeren Verhältnis zwischen Früchten und Stengeln / Ästen gezüchtet werden, soweit die Stengel (oder Halme) nicht als Viehfutter willkommen sind.Wetter, SchädlingeDas Fehlen von Wetter (genauer, von zerstörerischem Unwetter) ist natürlich nur ein Vorteil gegenüber der normalen Landwirtschhaft, nicht gegenüber den Gewächshäusern auf der Erde. Aber immerhin, mit Ernteausfällen durch Dürre, Regen, Hagel, Frost etc. braucht man im All nicht zu rechnen. Mit Schädlingen und Pflanzenkrankheiten sieht es ähnlich gut aus. Diese können zwar theoretisch von der Erde aus eingeschleppt werden (durch Unachtsamkeit), aber relativ einfach und ohne Gifteinsatz eliminiert werden.Erdeloser AnbauDas wird auf der Erde zunehmend praktiziert. Schon vor 20 Jahren hat das Farmerehepaar Henson aus Arizona (übrigens aktive Mitglider der National Space Society) Getreideanbau auf Brettern aus Styrol-Schaumstoff praktiziert, wobei die Wurzeln von unten mit Wasser und Nährstoffen besprüht wurden. Wenn solch ein Verfahren, kombiniert mit ganztägiger Beleuchtung, idealer Temperatur und intelligentem Fruchtwechsel, auf einer Raumfarm eingesetzt wird, sind Hektarerträge von ca. 300 Tonnen pro Jahr nicht unrealistisch. Von 300 Tonnen Weizen können aber 600 bis 1200 Menschen ernährt werden, je nachdem was sie zusätzlich bekommen.

 

 

4. Welche Erträge sind möglich?

Es sind unfassbar hohe Hektarerträge denkbar, wenn alle die genannten Bedingungen erfüllt werden und zusätzlich an der Züchtung ertragreicher Arten weitergearbeitet wird. Gentechnologie kann dabei hilfreich sein, aber eigentlich geht es (meiner Meinung nach) auch ohne sie. Nachfolgend sollen einige schon ältere Ergebnisse aus Treibhäusern am persischen Golf aufgeführt werden, um zu verdeutlichen, auf welch hohen irdischen Niveau die Weltraumlandwirtschaft aufbauen kann.Produkt Tonnen pro Hektar u. Jahr:

Tomaten: 340Gurken: 370Kohl 200Rettich 220Broccoli 120Melonen 200

Ein Hektar Treibhausfläche konnte also schon vor Jahren den Gemüsebedarf von etwa 7000 Menschen decken. Freilanderträge von Gemüse in Deutschland liegen in der Regel noch bei 20-40 Tonnen pro Hektar. Aber von Gemüse kann man sich nicht allein ernähren. Getreideprodukte, Kartoffeln, Obst und tierische Proteine müssen hinzu kommen. Zum Getreide ist im vorigen Abschnitt schon eine entscheidende Zahl genannt worden, nämlich 300 Tonnen pro Hektar und Jahr. Das ist 30 mal so viel wie in den fruchtbarsten Gebieten der Erde (Magdeburger und Hildesheimer Börde, Iowa, kalifornische Reisfarmen, Nordfriesische Marschen, chinesische Lößebenen, etc.) Bei Kartoffeln sind auch exorbitante Steigerungen gegenüber irdischen Erträgen zu erwarten. Mindestens solche Ergebnisse wie bei Tomaten sind zu erwarten, also mindestens 340 Tonnen pro Hektar, eher bis zu 1000 Tonnen.Wenn man 500 Tonnen als realistisch annimmt, heißt das, daß der Kartoffelbedarf von 2500 Menschen, genauer gesagt 2500 heutigen Deutschen, auf einem Hektar gedeckt werden könnte. Unsere Großeltern aßen natürlich viel mehr Kartoffeln als wir, da würde es nur für tausend Leute reichen. Aber wir Heutigen wollen ja möglichst Fleisch dazu haben. Wie sieht es nun damit aus?In Teil 5 versuche ich eine Antwort auf diese Frage zu geben.

 

 

5. Müssen wir im Raum auf unser Schnitzel verzichten?

Auf tierische Proteine müssen wir nicht und dürfen wir gar nicht verzichten. Sie sind unerläßlich für eine gesunde, ausgewogene und nicht zuletzt wohlschmeckende Ernährung. Wie sieht es nun aus mit Fleisch, Fisch, Milch, Käse, Quark und Eiern auf dem Astronauten-Speisezettel? Gar nicht so schlecht.Man hört regelmäßig das Argument, daß Fleischproduktion eine Verschwendung von Ressourcen sei, weil bis zu 10 Einheiten Getreide verfüttert werden müssen um eine Fleischmenge mit dem Nährwert einer Getreideeinheit zu erzeugen. Das stimmt nur unter bestimmten Voraussetzungen zB. wenn einer Schweine ausschließich mit Weizen mästet. Bei der Fleischproduktion in Weltraumfarmen gelten eben gewisse Einschränkungen, man muß sich was Intelligentes einfallen lassen. Erstens gibt es bessere Futterverwerter als Rinder, zweitens muß man nicht unbedingt Getreide verfüttern, jedenfalls nicht ausschließlich.Nachfolgend werden mal die verschiedenen Fleischsorten in ihrer prinzipiellen Verfügbarkeit für den Speisezettel der zukünftigen Raumbewohner vorgestellt:

Wild: nein, vermutlich nie

Rind: fast nie, extrem teuer

Lamm: fast nie, extrem teuer

Schwein: ja, aber selten

Huhn: ja, aber relativ selten

Kaninchen: jeden Tag, (wenn man mag)

Zicklein: ja, aber nicht sehr oft

Fisch: ja, aber nur bestimmte Arten

Zum Wild ist nichts weiter zu sagen, vielleicht kann man in tausend Jahren riesige Raumhabitate bauen, in denen es Wälder gibt, mit Rehen, Hirschen, Fasanen. Aber wird es dann noch Jäger geben? Wer zu Weihnachten Rehrücken essen möchte muß ihn wohl von der Erde importieren lassen und ein kleines Vermögen dafür bezahlen.Rinder sind extrem schlechte und auch noch anspruchsvolle Futterverwerter. Auch bei Stall-Intensivmast, ohne Weidewirtschaft, ist der Flächenbedarf extrem hoch für eine Raumstation.Als Milchlieferanten braucht man sie auch nicht, wie ich weiter unten erklären werde. Ein Rindersteak wird man sich also vielleicht einmal im Jahr leisten, als Festessen zu Weihnachten zum Beispiel.Beim Schwein sieht es etwas besser aus. Sie sind bessere Futterverwerter und können teilweise mit Pflanzenabfällen und Essensresten gefüttert werden, brauchen Mais und andere Getreide allenfalls als Zugabe. Es fallen genügend Stengel, Blätter, Kartoffelschalen, Kohlstrünke und Schlachtabfälle an, um wenigstens ein paar Schweine zu ernähren.Aber Schweinefleisch wird trotzdem relativ selten gegessen werden.Hühner werden eine größere Rolle bei der Ernährung spielen. Sie sind gute Futterverwerter und benötigen relativ wenig Getreide (Mais, Hirse) wenn hauptsächlich mit Küchenabfällen und etwas Schlachtabfällen aus der Kaninchenhaltung gefüttert wird. Wenn sie überwiegend für die Eierproduktion verwendet werden, ist die Kalorienbilanz viel günstiger als bei Schweinefleisch. Ein Teil der Hühner kann dabei für den Fleischkonsum abgezweigt werden.Ziegen werden eine große Rolle in Raumfarmen spielen. Sie erzeugen bei gleicher Futtermenge zweieinhalb mal so viel Milch wie eine Kuh. Ziegenmilch, Ziegenbutter und Ziegenkäse werden also bevorzugt konsumiert werden. Ziegen erfordern weniger Fläche als Kühe, allerdings mehr Pflege. Sie müssen auch künstlich besamt werden, da das Zusammenleben mit Ziegenböcken den Geschmack der Milch unangenehm beeinflußt. Sie können mit Stengeln und Blättern gefüttert werden, ein kleiner Zuschuß von Getreide ist aber erforderlich. Frei herumlaufen dürfen sie aber nicht, sie würden die Raumstation mehr oder weniger auffressen.Kaninchen sind im Raum nun der absolute Geheimtip, denn Kaninchenfleisch kann sehr effektiv erzeugt werden. Sie können mit Afalfagras ernährt werden (unter Zugabe von ein wenig Salz).Die Energiebilanz ist recht günstig, denn Afalfa (ein Verwandter der Luzerne), kann von Menschen nicht verdaut werden und kann mit viel höheren Hektarerträgen angebaut werden als Brotgetreide.Da nun die Kaninchen sehr effektive Futterverwerter sind, kann auf einer bestimmten Flächenenheit eine gleichgroße Kalorienmenge in Form von Kaninchenfleisch erzeugt werden, als wenn man diese Fläche mit Weizen bebauen würde. Ein Weibchen mit Jungen kann auf 10 Quadratmetern Afalfaweide gehalten werden. Wenn die unglaubliche Reproduktionsrate dieser Tiere berücksichtigt wird, ergeben sich ca. 50 Tonnen Fleisch pro Hektar und Jahr!, also genug für 1000 Menschen. Wer sich erinnert, weiß, daß etwa 300 Tonnen Weizen pro Hektar gerntet werden können, was ebenfalls für 1000 Menschen reicht, d.h. für ihren Brotbedarf.Wie sieht es nun mit Fisch aus?

Fast alle Fische die wir essen, sind Raubfische, im dritten, vierten, ja bis zum siebenten Glied in der Nahrungskette, ganz extrem ist dies beim Thunfisch. Wenn man große Aquarien anlegt, ist es natürlich energetisch unvorteilhaft, solche Fische zu essen, denn bei jeder Fressgeneration geht ja Energie verloren. Aber es gibt auch Pflanzenfresser, die also im zweiten Glied der Nahrungskette stehen. Da ist der Tilapia zu nennen, ein afrikanischer Süßwasserfisch, oder der weiße Amur, ein chinesischer Süßwasserfisch. Der Weiße Amur ist in manchen Chinarestaurants im Aquarium zu sehen, ein rosigweißer, sehr appetitlich aussehender Bursche. Den Tilapia habe ich selbst vor einigen Wochen mal zubereitet.

Diese Fische verwerten ihre Nahrung aus einzelligen Algen sehr effizient und wachsen schnell. Sie können in großen Aquarien gehalten werden, in warmem, phosphatreichem Wasser. Die Fischteiche werden zweckmäßigerweise über den Anbauflächen angelegt und geben im Zuge der notwendigen Wasserneuerung ihr nährstoffreiches Wasser zwecks Bewässerung ab. Dabei kann es sich um klassische Beregnung handeln oder um Besprühung von Luftwurzeln, s.o. Der Kalorienertrag pro Flächeneinheit ist bei solchen Fischen fast so groß wie bei der Kaninchenzucht. Die Schlußfolgerung aus diesem kurzen und lückenhaften Überblick heißt:

Raumbewohner müssen nicht vegetarisch leben, schon gar nicht veganisch.Sie werden viel Brot, Gemüse, Reis, Obst und Kartoffeln essen, sicher auch Bohnen und Pilze, aber ein ca. halb so großer Fleischkonsum wie der in Europa oder USA ist praktikabel (wenn auch mit ein bißchen viel Kaninchen). Milch steht in mäßigen Mengen zur Verfügung, (Ziegenmilch schmeckt gar nicht so übel), sowie Käse und gelegentlich ein Ei. Außerdem gibt es ein bis zweimal in der Woche Fisch.Das läßt sich eigentlich aushalten.

 

 

6. Ausblick

Wenn man die jetzt schon auf der Erde möglichen Hektarerträge hochrechnet auf die optimalen Bedingungen die in Raumfarmen geschaffen werden können, läßt sich mit gutem Gewissen prognostizieren, daß dort bis zu 500 Menschen pro Hektar (bzw. 50 000 pro Quadratkilometer) abwechslungsreich ernährt werden können. Das sind 20 Quadratmeter Fläche pro Person, also die Größe eines kleinen Wohnzimmers!!

 

Großes Raumhabitat für ca. 5 Millionen Bewohner, mit hundert ringförmig angeordnten Farm-Zylindern. O'Neill, "The High Frontier"

 

 

Systemskizze eines solchen, um die eigen Achse rotierenden Farmzylinders. Die Zylinderwände stellen gravitativ "unten" dar. Der Strahlenverlauf des Sonnenlichtes ist angedeutet. Helligkeitswchsel wird durch Verstellen des Spiegelkranzes bewirkt.

 

 

Für Ihre fast autarke Ernährung benötigen Raumsiedler also weniger Fläche als für Wohnen, Arbeiten und Erholung, man vergleiche dies mal mit irdischen Verhältnissen.

 

Es ist immer sinnvoll, Kosten nicht zu verschleiern und zu subventionieren, sondern über echte Marktpreise wieder hereinzuholen. Was so ein durchschnittlicher Raumkolonist mit seiner Arbeit verdient steht wirklich in den Sternen, es hängt von so vielen noch unbekannten Variablen und Randbedingungen ab, daß man sich aufs bloße Raten verlegen muß. Sicher können den Beschäftigten in den Forschungs- u. Fabrikationseinrichtungen, den Montage- u. Werftkomplexen etc. recht hohe Gehälter gezahlt werden. Wie hoch, soll hier nicht erörtert werden.

Von einem Anteil irgendwo zwischen 15 % und maximal 30 % des Netto- Einkommens müssen die Lebensmittel bezahlt werden. Der kleinere Teil dieser Kosten resultiert aus den Farmereinkünften, der Verarbeitung und der Handelsspanne. Den Löwenanteil bilden die Konstruktionskosten für 20 Quadratmeter Anbaufläche in einem Gewächshaus, mit allem was dazu gehört. Wenn das Nettoeinkommen eines Astronauten 200 000 Dollar oder Euro im Jahr betragen würde, könnte er davon durchschnittlich 50 000 für Nahrungsmittel ausgeben.

Wenn davon zwei Drittel für die Amortisierung der Baukosten des Gewächshauses zu veranschlagen sind, macht das 35 000 Dollar aus. Bei einer Amortisierungsrate von 5 % pro Jahr darf der Bau von 20 qm Anbaufläche in dem Fall also 700.000 Dollar kosten. Ein Hektar dürfte dann 350 Mill. Dollar kosten, ist das zu dem Preis nicht machbar, müssen eben die Einkommen entsprechend höher kalkuliert werden.

 

Die Beschäftigung mit der Weltraumlandwirtschaft hat unter anderem auch einen beruhigenden Nebeneffekt. Wenn man sich das geradezu unglaubliche Potential ansieht, das in der hochintensiven Nahrungsmittelproduktion steckt, wird man sehr gelassen in Hinblick auf die Ernährung der Menschheit hier unten auf der Erde. Das apokalyptische Geschrei der siebziger Jahre klingt mir noch deutlich in den Ohren:

Sinngemäß: "Mit drei Milliarden ist die Erde schon weit überbevölkert, vier Milliarden sind wir jetzt, der Zusammenbruch der Welternährung steht unmittelbar bevor, es ist völlig ausgeschlossen, daß fünf Milliarden satt werden können" usw.

 

Eine schrille, ewige Litanei. Heute sind wir schon gut sechs Milliarden, davon sind 800 Millionen unzureichend ernährt, also mehr als 5 Milliarden ausreichend. Und warum gibt es überhaupt noch diese 800 Millionen Unglücklichen?

Nicht weil es an fruchtbarem Boden fehlt, sondern weil sie unfähigen oder verbrecherischen Regimen ausgeliefert sind, ungenügend informiert sind über effektive Anbaumethoden, geschwächt durch alte und neue Seuchen, und in Afrika auch noch den Löwenanteil der Feldarbeit auf den Frauen abladen. Heute sind also 5.2 Milliarden Menschen satt, oder zumindest leidlich gut ernährt, das ist eigentlich eine schallende Ohrfeige für den Club of Rome. Wenn man sich die in diesem Artikel aufgeführten Beispiele anschaut, wird klar, daß auch für zehn Milliarden, vielleicht für zwanzig Milliarden Menschen so viele Lebensmittel erzeugt werden können, daß es ihnen schon zu den Ohren herauskommt und zwar auf einer kleineren Anbaufläche als sie heute genutzt wird.

 

Was bei einer so stark bevölkerten Erde wirklich knapp wird, sind nicht Brot, Gemüse und Fleisch, auch nicht Rohstoffe und Energie, sondern Freiräume, Erholungsmöglichkeiten, stille, weite Landschaften ohne Gewühl, einsame Täler, aber auch ein unbeschwerter Zugang zu den Kulturgütern.

Damit meine ich den Stress, der entsteht, wenn man die Akropolis, die Pyramiden, den Louvre, Angkor Wat oder Venedig besuchen will, in einer Welt von zwanzig Milliarden, die dasselbe wollen und auch noch das Geld dafür haben. Dies ist der eigentliche Grund, weshalb die Menschheit möglichst ihre heutige Zahl nicht übersteigen sollte.

 

 

Autor: Michael Boden

 

 

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